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Vorbei ist nur die Vorsicht: Corona – Das Frumble-Dossier

Wenn wir später auf diese Übergangsphase zurückblicken, wird es uns erschrecken, wie es kommen konnte, dass die Mehrheit es gebilligt hatte, unserer Bevölkerungsgesundheit fortan erheblichen dauerhaften Schaden abzuverlangen. Wir werden uns fragen, was uns geritten hatte, diesen sozialdarwinistischen Pfad zu beschreiten.

Aus meiner Perspektive haben wir es mit einem fatalen kollektiven Selbstbetrug über die angeblich neu entdeckte Milde eines nach wie vor schwer virolenten neurotropen Virus zu tun, in enger Rückkopplung mit der billigenden Verharmlosungs- und Lockerungspolitik von Regierungen, die nicht schnell genug Solidarität mit den besonders Gefährdeten und Alten gegen eine zynisch falsche Aufforderung zur „Eigenverantwortung“ eintauschen können.

Als es absehbar wurde, dass die Politik das unbequeme Thema vom Tableau räumen möchte und die Bevölkerung mehrheitlich unbekümmert mitgezogen hatte, habe ich vor einem Jahr begonnen, nützliche Quellen über die Corona-Studienlage zu sammeln. In dieser Zeit mehrten sich auch die prominenten Stimmen, die entgegen erdrückender medizinischer Evidenz Bilder einer bald wieder erreichbaren prä-pandemischen Lebensrealität zeichneten und gleichzeitig auf ein Schleifen aller wirksamen Maßnahmen zur Einhegung der Viruszirkulation hinwirkten. An diesem Punkt dämmerte mir, dass wir als Gesellschaft auf ein Schisma hinsteuern zwischen denen, die noch vernünftig und deutlich überproportional informiert sind und die innere Stärke besitzen, sich auch trotz der sozialen Ausgrenzungsprozesse davon in ihrem Handeln leiten zu lassen – und jenen, die dankbar einer bequemen Lüge folgen, die sie mit vehementem Argwohn verteidigen.

Begleitend zur Pandemiepolitik wurden über die letzten Jahre die schönsten Faktenchecks gegen verharmlosende Narrative tagesaktuell auf Twitter zusammengetragen. Leider rauschen diese Bemühungen nur einmal durch und werden dann zu einem entkoppelten Fragment ohne höheren Metatext, der sie thematisch gebündelt dokumentiert. In dieser Arbeit habe ich eben dies versucht herzustellen, politische Entscheidungen und fragwürdige Expertojmeinungen wieder in eine Forensituation zu versetzen, Motivationen zu rekontextualisieren. Ich lasse Tweets und Tröts zwischen Studien und Artikeln kommentierend sprechen, gebe ihnen aber auch Raum für eigene Erzählungen. Ich gebe ihnen eine Bühne, die im reichweitenstarken Journalismus den mahnenden Stimmen kaum noch zugestanden wird.

Als Teil der Info-Bohème, die in wissenschaftsnahen Nerdkreisen vernetzt ist, seh ich mich in einer Position der Verantwortung, mein Wissen zu kommunizieren. Diese Info-Bohème ist keine Geheimgesellschaft und wir teilen kein Geheimwissen. Es interessiert sich außerhalb nur niemand dafür. Was auch verständlich ist, denn die Zusammenhänge, das nötige Hintergrundwissen und die Widersprüche sind komplex und die Schlussfolgerungen häufig unklar. Die Aufgabe, neue Erkenntnisse niedrigschwellig bekannt zu machen und einzuordnen, sollte eigentlich die Presse übernehmen, doch erkennt die Vierte Gewalt nicht, dass sie jetzt dringend nötige Aufklärung leisten müsste, beherzt gegen die starken Narrative aus Politik und Egozentrikideologie anschreiben müsste und die Politik wieder und wieder konfrontieren müsste, statt sie nur routiniert pfiffig nachzuanalysieren. Es kommt viel zu wenig. Die um sich greifende Verklärung der Pandemiemaßnahmen als ‚übertrieben‘ ist eine Bankrotterklärung auch des Journalismus.

Es gibt ein weitgehendes Stillschweigen in Presse und Politik über die enormen Risiken für Nacherkrankungen von Covidinfektionen, zumindest hängt man sie nirgends an die große Glocke und kommentiert allzu gern ‚nichts Genaues weiß man nicht‘. Dem möchte ich hier entgegenwirken. Diese Arbeit soll ein Fanal sein gegen das Gaslichtern der Bevölkerung durch zweifelhafte Expertoj und die Politik. Mich treibt die Sorge, dass es bald heißt, es hätten doch ‚irgendwie alle Seiten Recht gehabt‘, nur weil die Dokumentation der Fakten und des politischen Versagens so schlecht gewesen ist und die Gesellschaft sich an einen desaströsen Zustand als neue Normalität gewöhnt. Nein, Jens, ich verzeihe euch nicht.

Diese Arbeit ist eine Handreiche für alle Infektionsverweigeroj, für Team Vorsicht, für Alte und Vorerkrankte, für durch Covid Vorerkrankte, für Eltern – für Menschen, die es vorziehen, keinen Teil ihres Hirns von einem Virus wegschmelzen zu lassen. Es ist auch eine Arbeit für Menschen, die sich gefreut haben, als ihnen die Politik erzählt hat, dass wir gut durch die Pandemie gekommen seien und uns nun keinen Kopf mehr um Schutzmaßnahmen zu machen bräuchten. Dass eben jetzt alles wieder so werden könne wie vor 2020. Die bedrückende Wahrheit ist: Nein, das Virus ist nicht mild, das Virus wird mittelfristig nicht mild werden.

Bei den Tweets habe ich mir leichte Editierungen erlaubt, Rechtschreibung und Interpunktion verbessert (ich kann nicht anders), Hashtags entfernt, sowas. Inhaltlich gab es keine Änderungen. Hervorhebungen, auch in Artikelzitaten, stammen in der Regel von mir. Manche Quellen sind doppelt, weil sie mit unterschiedlichen Zitaten in mehrere Kapitel passen. Wo sinnvoll, setze ich hier auf meine Entgenderungsgrammatik des Ojums.

Zunächst geht es los mit wenig kommentierten Quellen zum medizinischen Forschungsstand, später wende ich mich beurteilend und einordnend der politischen Dimension zu.

Kapitel

1. Eröffnung: Pfad ins Dunkel
2. Long Covid
3. Hirnschäden
4. Folgeerkrankungen
5. Schäden am Immunsystem
6. Kinder
7. Das Märchen von der dauerhaften Schleimhautimmunität durch Infektion
8. Drosten ist nicht dein Freund
9. Lauterbach ist Getriebener und versucht, alle Seiten zu bedienen
10. „Corona/Die Pandemie ist vorbei“
11. Solidarität ist tot und die FDP ist der Gärtner
12. Querdenker spielen den Libertären strukturell in die Karten
13. Empfehlungen
14. Epilog und Dank
Inhaltewolken

6. Kinder
Lügen, Schulen, Ignorieren und Verschlusshalten von Studien, STIKO, Mertens, Durchseuchung, Pfadabhängigkeit der Kinderärztoj, angeblich schlimmere psychische Folgen, Maskenpflicht an Schulen, Belügen der Eltern, Yvonne Gebauer (FDP NRW), politisches Verkaufen von Durchseuchung als Belohnung (7. wird ausgelassen)

8. Drosten ist nicht dein Freund
Infektion ‚alternativlos‘, ‚mehrfach infiziert = super Schutz‘, Ausblenden von Folgeerkrankungen, effektive Infektionsempfehlung, „gesellschaftlich tolerable“ Lethalität von 150 pro Tag, Bekräftigen von Kultusministoj-Linie, Kinder auf Teufel komm raus in Präsenz zu unterrichten; Darstellung von Masketragen als etwas Sonderbares, Argumentation aus dem Modus der Politik heraus, Studien zur Schleimhautimmunität, Proklamation der Endemie, Politikreaktion, Medienversagen, Tagesthemen, Heute-Journal, Sozialdarwinismus, Gegenüberstellung mit WHO-Empfehlungen für Endemien, routiniertes Relativieren nach Wochen der Funkstille, Empathielosigkeit

9. Lauterbach ist Getriebener und versucht, alle Seiten zu bedienen
Doppelbotschaften, FDP, Blinken auf Öffnung, Gesetze fungieren auch als Regulierung von sozialem Verhalten, Scholz und der Ampel ist die Rolle der FDP nicht unrecht

10. „Corona/Die Pandemie ist vorbei“
Weltbester Journalismus versagt bei Gefahrenkommunikation, Aerosolvideos, Sozialexperiment, psychologische Erklärungen: Verantwortungsdiffusion, Rosinenpickerei, Reaktanz, Ärger über Maskenträgoj, Überlebenden-Verzerrung; Verdrängung von Infektionsverweigerern aus dem sozialen Leben, institutionalisierter Sozialdarwinismus, Vulnerable als Gegensetzung zum Wir; „Die Welt ist etwas schlechter geworden“, nicht mit Grippe zu vergleichen, Endemien töten jährlich Hunderttausende, Hyperendemie, enormes Risiko für massig chronische Krankheiten, das Ende wird brutal, Schutzmaßnahmen als einziger sozialverträglicher Weg für die mittelfristige Zukunft, nach Infektion 6 Wochen keinen Sport, Zwang zum Schulsport, Informierten wird Angststörung vorgeworfen, Polittheater um die Selbstprofilierung, Manne Lucha (Grüne BW), Mertens, STIKO, Kräusslich, Ende Maskenpflicht in Bahnen in BW, Medienversagen, Allianz pro Schiene; wieso keine regelmäßigen niedrigschwelligen linearen Informationssendungen?; Behauptung der besseren Luft in Flugzeugen, populistische Öffnungspolitik

11. Solidarität ist tot und die FDP ist der Gärtner
EiGeNvErAnTwOrTuNg ist nichts als Hohn, einseitig getragene Masken können Multischicht-Schutzmodell nur leidlich ersetzten, WHO-Empfehlung, wunderbare Schutzmaßnahmen beim Weltwirtschaftsforum in Davos, FDP fordert Aus für Masken in Kliniken, Heimen und Praxen; Infektionswahrscheinlichkeit mit einseitiger Maske in Zahlen, Verdrängung von Vulnerablen aus öffentlicher Infrastruktur, Faktencheck Abwassermonitoring, offizielle Inzidenz nur aus PCR-Tests, Untererfassung enorm, Medienversagen

12. Querdenker spielen den Libertären strukturell in die Karten
Trügerische Mehrheiten in sozialen Netzwerken, Abarbeiten an Querdenkern, Ritualisierung des Gegners im Medienbetrieb als Querdenker, Gebundensein von journalistischen Kräften durch Querdenker, keine Energien für niederträchtigen FDP-Öffnungspopulismus, Todesstatistiken, Präventionsparadoxon

13. Empfehlungen
Kumulativer Boostereffekt, alle 4 Monate nachimpfen, Überimpfung ist Unsinn, Regelversorgung, dreiste Preiserhöhung der mRNA-Impfstoffe, deutsche Abwehr von Patentaufhebungen, 10 Tage nach Impfung keinen Sport, 2022 aktualisierter Impfstoff doch besser als zunächst geglaubt, FFP3-Masken, Rauchtest, richtig im Rachen testen, Sensitivität von Schnelltests trügerisch, Schnelltestmarken, Kinderschutz auch gegen STIKO-Empfehlungen, nützliche Vorsichtsnarrative für Kinder und Bekannte

2 – Long Covid

»So now we learn—but only after *almost 100 million Americans* have been infected with the SARS-CoV-2 virus—that it causes *at a minimum* dangerous medium-term clotting in several organs and increases (again, at a *minimum* medium-term) the chance of heart attacks and strokes
@SethAbramson, März 2022

»Selbst wenn nicht jede Reinfektion schlimmer verläuft – SARS-CoV-2 hinterlässt seine Spuren im Körper. Die Liste der Organschäden wird immer länger. „Super-Immunität“ ist eine reine Erfindung der Durchseuchung-Fraktion. Der häufige Kontakt wird uns langfristig schädigen. Die Evidenz ist erdrückend: Es gibt keine bleibende Immunität gegen SARSCOV2. Die Zahl der chronisch Kranken und deren Krankheitsbilder nimmt ständig zu. Die Zahl der Varianten mit Fluchtmutationen ebenso. Mit Wissenschaftsleugnung werden wir diese Pandemie nicht beenden.«
@DrLeibl, April 2022

»Dass es keine Gesundheitswarnung vor Long Covid gibt und die meisten denken, sie seien durch die Impfung geschützt und keinen blassen Schimmer vom tatsächlichen Risiko und den Auswirkungen auf ihr Leben haben, ist das größte Public-Health-Versagen in der Geschichte
@MarcBrup, April 2022

»Wie häufig ist Long Covid?
• Bis zu 30% der ungeimpften SARS-CoV-2-Infizierten entwickeln aktuellen Studien zufolge anhaltende Beschwerden.
• Rund 80% der Betroffenen haben laut einer Studie nach einem Jahr weiterhin Symptome.
Wie gut schützt eine SARS-CoV-2-Schutzimpfung vor Long Covid?
• Ein vollständiger Impfschutz reduziert das Risiko für Long COVID einer Studie nach um etwa 40%.
• Wie häufig Long COVID nach einer symptomatischen Omikron-Infektion auftritt ist unklar.«
@LongDeutschland, März 2022
Anmerkung: Schöne grafische Darstellung im Tweet. Bei Ungeimpften trifft es 30%, bei Geimpften ‚nur‘ noch 14 von 100 (über 12 Monate). Verschiedene Studien kommen allerdings teils zu höheren Betroffenenzahlen.

»Als jemand, der nach einer Virusinfektion mit 31 ME/CFS bekam und seitdem zu 99% hausgebunden ‚lebt‘, sage ich: Jede Infektion kann die eine zu viel sein. Ca. 300.000 Menschen in Deutschland haben diese meist postvirale Krankheit, gegen die es KEIN (!) Medikament gibt.«
@Leonie61359764, April 2022

»Aber Omikrons Milde ist trügerisch, wenn ihretwegen enorm viele Infektionen zugelassen werden. Allein in Deutschland wurden 15 Millionen Omikronfälle gemeldet. Wenn auch nur ein kleiner Prozentsatz der Infizierten längerfristig ausfällt und stark leidet – ist es dann nicht vernünftig, zu versuchen, so viele Ansteckungen wie möglich zu vermeiden? […] Denn es ist keinesfalls so, dass Betroffene schicksalhaft durchs Raster fallen müssen. Politische Entscheidungen könnten auch auf Schutz setzen, um die Zahl der Neuerkrankungen wenigstens deutlich zu reduzieren – auch wenn das FDP-bis-Querdenker-Spektrum dann nörgelt. Das aber nicht zu tun, beruht auf der Prämisse, dass Omikron mild sei und Infektionen unvermeidlich seien, vielleicht sogar hilfreich, weil sich – so die Hoffnung, versprechen kann das niemand, denn es fehlt die Erfahrung – eine bessere Immunität gegen kommende Varianten aufbaut.«
(taz, Mai 2022)

»Jede zusätzliche Runde COVID erhöht das Long COVID-Risiko. Der im Sommer Infizierte kann im Herbst erneut dabei sein. Eine Sommerinfektion hat dann nur geschadet und nicht geschützt.«
@Karl_Lauterbach, Juni 2022, verlinkt Blogbeitrag von Eric Topol: A reinfection red flag

»These infections will also inevitably add to the toll of long Covid cases. According to ONS data, the supposedly “mild” waves of Omicron during 2022 have brought more than 619,000 new long Covid cases [in UK] into the clinical caseload, promising an enduring and miserable legacy from this latest phase. […] Not having got long Covid after a prior infection in the earlier waves offers no guarantee against getting it this time. […] As an immunologist struggling to decode long Covid mechanisms and potential treatments, it is both perplexing and not a little devastating that this mysterious, lingering disease finds a way to continue wreaking havoc in the face of a largely vaccinated population and a supposedly milder variant.«
The Guardian: Where’s the herd immunity? Our research shows why Covid is still wreaking havoc, Juli 2022

Nach Schätzung der Landesregierung rund 70.000 Menschen in Baden-Württemberg von Long Covid betroffen
»Hier wurden 11.000 an Covid-19 erkrankte Erwachsene gefragt, deren Infektion sechs Monate bis ein Jahr zurücklag. Mehr als ein Drittel berichtete darin davon, noch an chronischer Müdigkeit zu leiden. Etwa 30 Prozent klagten über Atemprobleme.«
(SWR, Stand Juli 2022)

Neue Studie zeigt: Viele Corona-Infizierte berichten von Langzeitfolgen
»12.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer wurden für eine aktuelle Studie zu ihrem Wohlbefinden nach einer Corona-Infektion befragt. Rund jeder Vierte leidet demnach unter Long Covid.«
(SWR, Oktober 2022)

Trotz Impfung und Omikron: 5%-16% der Infizierten bekommen Long Covid
(Diese Zahl konfligiert mit der anderer Erhebungen, meine Vermutung ist, kognitive Mini-Long-Covids werden hier bagatellisiert. Das ZDF betitelt das Interview übrigens beschwichtigend: „Jeder 20. Infizierte bekommt Long Covid“, einfach mal die niedrigst mögliche Schwellenzahl überhaupt für den Titel gewählt.)
»Was schützt vor Long Covid? Wichtig ist, schon in der akuten Phase auf Atemübungen zu achten. Auch ohne Probleme mit der Lunge oder nur wenig Husten. Bewusst tief und kürzer ein- als auszuatmen hilft extrem, genauso inhalieren mit Kochsalzlösung. Long Covid kann so nicht komplett verhindert werden, aber mit der richtigen Atemabfolge ist es später leichter, die Belastung zu steigern.«
(ZDF, Oktober 2022)
Warum läuft so eine wichtige Info eigentlich nicht täglich im Radio?

Gibt auch solche Zahlen, und auch das war eine wissenschaftliche Studie:
50 per cent of Canadians infected with COVID suffer from long-term symptoms
»Statistics Canada reports that nearly 50 per cent of Canadians who had confirmed cases of COVID-19, or 1.4 million people so far, report long COVID symptoms and reinfections aren’t helping. […] “Unfortunately, we are seeing a lot of people who have had a second or third and sometimes even a fourth COVID infection. And that’s generally not a good thing because, with every COVID infection, there’s a risk of developing more symptoms and prolonging existing symptoms.”«
(Sundbury.com, Januar 2023)

»Am Wochenende auf einer Veranstaltung mit einer Lehrerin gesprochen, die meinte, sie hätte Schüler, die schon vier mal Corona hatten und man würde es halt merken, weil die komplett Matsch in der Birne sind und sich nicht mehr konzentrieren können. Mit Long-Covid, aber auch den normalen Corona-Schäden, wird diese Gesellschaft noch auf Jahrzehnte Spaß™ haben.«
@Schmidtlepp, Oktober 2022
Dazu: Reinfection will be part of the pandemic for months to come. Each repeat illness raises the risk of Long COVID (The Conversation, Juli 2022)

Long Covid in der Arbeitswelt: Die neue Volkskrankheit
»Einige der Symptome: starke Erschöpfung selbst bei leichter Belastung, ständige Atemnot, neurokognitive Störungen wie Vergesslichkeit oder Konzentrationsprobleme. Was eine neue Studie aus Heidelberg herausfand und für die Wirtschaft alarmierend sein sollte: Wer sich nach fünf Monaten nicht erholt halt, dem geht es in der Regel auch nach einem Jahr nicht oder nur wenig besser. […] Einige Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer werden also nicht nur für ein paar Wochen ausfallen oder eingeschränkt leistungsfähig sein. […] in den USA schätzt aber das Forschungsinstitut Brookings, dass derzeit 1,6 Millionen Amerikaner wegen Long Covid auf dem Arbeitsmarkt fehlen – das entspricht rund 15 Prozent der unbesetzten Stellen im Land, die ohnehin die US-Wirtschaft derzeit außerordentlich belasten.«
(SZ+, Blendle, April 2022)

Long Covid Is Keeping Significant Numbers of People Out of Work, Study Finds
»More than a year after contracting the coronavirus, 18 percent of long Covid patients had still not returned to work, more than three-fourths of them younger than 60, the analysis found.«
(New York Times, Januar 2023)

Long Covid: Das dicke Ende kommt noch
Überblick über die mannigfaltigen Auftrittsformen von Long Covid.
(Heise, März 2022)

Corona-Infektion erschwert Abschluss von Berufsunfähigkeitsversicherungen
Deren Job ist es nämlich, aktuelle Studien zu lesen und Risiken einzuordnen.
(RND, März 2022)

»University Melbourne: Jüngere Erwachsene scheinen besonders gefährdet zu sein. Fast jeder 2. Mensch mit COVID ist gefährdet, ein neurologisches Post-COVID-Syndrom (PCNS) zu entwickeln. Symptome von PCNS ähneln denen, die wir nach einem Schlaganfall sehen.« (Sie waren allerdings wohl nicht geimpft)
@WeingartenDE, Januar 2023, verlinkt Artikel What we now know about long COVID and our brains

Neurobiologe: „Long Covid entsteht durch Entzündungen im Gehirn“
»Aber mindestens genauso oft sind Veränderungen am Gefäßsystem der Grund. Vor allem an den kleinen Blutgefäßen, den Kapillaren, kommt es zu Verengungen. Davon ist das Gehirn wiederum besonders stark betroffen, weil sich dort von allen Organen im Körper die meisten kleinen Gefäße befinden. Diese verstopfen dann, das hat einen indirekten Effekt auf das Gehirn. Es besteht dadurch ein höheres Risiko, einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall zu erleiden. Und das Risiko, später an Alzheimer zu erkranken, ist durch diese Verengungen der Kapillaren erhöht. […] // Das klingt sehr schicksalshaft. Kann man irgendetwas was dagegen tun? // Korte: Ja, mit Vorsorge. Sehr oft sind eben Reaktionen des Immunsystems im Körper, die dann entzündliche Prozesse im Gehirn auslösen, der Grund für Long Covid. Die Impfung reduziert dieses Risiko um zumindest 20 bis 50 Prozent. Und man sollte sich in engen, schlecht gelüfteten Innenräumen mit Maske schützten. Denn je seltener man sich infiziert, desto geringer ist das Risiko, an Long Covid zu erkranken. Die Daten zeigen, dass jede neuerliche Infektion wieder ein Risiko für Langzeitfolgen birgt.«
(derStandard.at, Dezember 2022)

Mini-Long-Covid: Nicht schlimm, aber nervig
In diesem eindrücklichen Text schildert der Autor sein „Mini-Long-Covid“, seine Selbstbeobachtung und die Furcht, als Hypochonder verspottet zu werden. Er erwähnt Wortfindungssstörungen, Sprechprobleme, plötzliche Kopfschmerzanfälle und weiteres. Ich vermute: Der Großteil der Betroffenen verdrängt die Symptome als unbedeutend und schiebt sie auf ‚schlechter Tag‘, ‚schlecht geschlafen‘, ‚das Wetter‘, usw. Anschlussfähig an das Kapitel zu Hirnschäden.
(Spiegel.de, Mai 2022)

Ist doch alles nur die Psüüüche!
Bei gleichem Pandemiestress: Long Covid-Symptome bei Infizierten deutlich häufiger
(Uni Basel, März 2022)

Long COVID stemmed from mild cases of COVID-19 in most people
»90% of people living with long COVID initially experienced only mild illness. […] Our study also found that women have twice the risk of men and four times the risk of children for developing long COVID.«
(Ars Technica, Januar 2023)

»Aber auch die Spätfolgen sind nicht ohne. Deshalb rufe ich allen zu, die das Oktoberfest besuchen wollen: Essen Sie gerne noch ein letztes Hendl, bevor Sie über Monate nichts mehr schmecken! Beweisen Sie Ihre Kraft am Hau-den-Lukas-Stand, bevor Sie langfristig den Hammer nicht mehr hochkriegen! Und haben Sie noch einmal richtig guten Sex, bevor die Libido Sie für eine lange Zeit verlässt! Nach neuesten Untersuchungen ist auch Letzteres nämlich eine gern verschwiegene Long-Covid-Gefahr.«
(Playboy 10/2022)

McKinsey (!):
»Productivity loss due to long COVID: Long COVID is a complex and poorly understood syndrome. We recently estimated one form of its economic impact: the affordability challenge that it places on the nation’s healthcare system. Reduced productivity is another such challenge. A relatively large number of people experience mild to moderate medium-term symptoms, which cause a modest productivity decrease. A smaller number suffer debilitating symptoms and are unable to work for a substantial period of time.«
McKinsey: One billion days lost: How COVID-19 is hurting the US workforce (Januar 2023)

»Vorläufige Ergebnisse einer großen Studie zu den psychischen und sozioökonomischen Long-Covid-Folgen in den USA: ≈ 14% der US-Erwachsenen im Alter von 18–84 Jahren und 15% der Erwachsenen im erwerbsfähigen Alter leiden unter Long-Covid-Folgen (11/2022).«
@WeingartenDE, Januar 2023, verlinkt Studie

Annalena Baerbock hat Anfang Juni 2022 eine Coronainfektion. Mitte Juli erzählt sie dem Stern:
»„Es hat mich wirklich niedergestreckt, trotz Vierfachimpfung. Ich lag zwei Wochen lang flach. Mehr als zwei Etagen schaffe ich auch jetzt kaum zu Fuß“ […] Baerbock nutzte ihre eigene Erfahrung im Stern-Interview auch für einen Aufruf an die Bevölkerung: „Ich kann nur appellieren: Maske tragen, wo es nötig ist, und testen, testen, testen.”«
Aber hat man Baerbock seit Herbst noch mit Maske gesehen? Nö. 🙁 Das würde ja irgendwie… ängstlich wirken?

Mit der Maskendisziplin nimmt man es im Bundestag generell nicht mehr sehr ernst:
»Im Bundestag trägt quasi niemand Maske und ich frage mich, was los ist mit den Leuten. Gesendet aus einem Ausschusssaal mit locker 100 Personen, vllt 15 Masken, die meisten auf der Besuchstribüne. Alle treffen hinterher jede Menge andere Leute.«
@annalist, Oktober 2022

»This huge COVID-19 [meta] study should spark change, but sadly, it won’t: Most long COVID cases are in non-hospitalized patients with a mild acute illness. Debilitating [entkräftende] illness occurs in at least 10% SARS-CoV-2 infections. At least 65M individuals worldwide are estimated to have long COVID, with cases increasing daily. Significant proportions of individuals are unable to return to work, contributing to labor shortages. There are currently no validated effective treatments.«
@augieray@mastodon.social, Januar 2023, verlinkt auf Nature: Long COVID: major findings, mechanisms and recommendations – Mit praktischen Übersichtsgrafiken!
Die Nature-Studie ist relativ laienfreundlich verfasst, aber hier eine noch niedrigschwelligere Zusammenfassung:
Long COVID may deal “lifelong disability” if no action taken says new research (CosmosMagazine.com, Januar 2023)

The next infection could permanently disable you
»We are all playing Covid roulette. The next infection could be the one that permanently disables you. I’ve been hit three times so far, and feel lucky still to be active. But I’ve lost a little every time: stamina, lung capacity, sleep, general fitness, however diligently I’ve exercised since. In all three cases, it seems, the infection has come from school. […] Those who suffer the extreme version of this disablement, long Covid, are treated as an embarrassment we would prefer to forget. You need only gently propose that we might return to wearing masks on public transport to provoke hundreds of people on social media to bray “freedom!” and denounce you as a tyrant.«
(The Guardian, Januar 2023)

Long Covid: Was tut die Bundesregierung für Betroffene? (+ Audio unten hören)
Jetzt will Lauterbach langfristig (wenn er die Mittel bewilligt bekommt), 100 Mio in die Erforschung von Long Covid investieren, bisher werden nur 32 Mio für letztes und dieses Jahr eingesetzt.
(Tagesschau.de, Januar 2023)

Nach einigen Monaten wird Long Covid per Definition zu Post Covid. Eine deutsche Webseite mit Zusammenfassungen aktueller Studien zu Long & Post Covid, ME/CFS, der Behandlung und hilfreichen weiterführenden Links: Wissen-zu-Post-Covid.org

3 – Hirnschäden

Affenversuche: Coronainfektion schadet dem Gehirn deutlich
Studienbesprechung von Nature: Neuropathology and virus in brain of SARS-CoV-2 infected non-human primates
»Importantly, this is seen among infected animals that do not develop severe respiratory disease, which may provide insight into neurological symptoms associated with “long COVID”.«
(Pharazeutische Zeitung, April 2022)

»Diese Studien werden in wenigen Jahren wahrscheinlich sehr viele Menschen beschäftigen. COVID-Patienten leiden oft an nachhaltiger Beeinträchtigung ihrer kognitiven Leistungen und zeigen dazu passende Hirnveränderungen. Die akute Infektion geht, die chronische Krankheit beginnt.«
@Karl_Lauterbach, April 2022, verlinkt auf Studie: SARS-CoV-2 is associated with changes in brain structure in UK Biobank (März 2022, scheint Lauterbach rätselhafterweise über einen Monat lang nicht mitbekommen zu haben), hier ein leichter verständlicherer Studienbericht: Mild COVID Linked to Brain Damage: What That Means for You

»Schwere COVID-Erkrankungen gehen oft mit sehr deutlichen Einschränkungen der Denkfähigkeit einher. In Tagen kann das Gehirn um 20 Jahre altern. 4. Impfung schützt zuverlässig vor schweren Verläufen. Ältere und Menschen mit Risikofaktoren sollten sie nutzen. […] Obwohl der Beweis noch aussteht, ist es überwältigend wahrscheinlich, dass eine überstandene schwere COVID-Erkrankung im Alter das Demenzrisiko erhöht. Impfen schützt.«
@Karl_Lauterbach, Mai 2022, verlinkt auf Studienbericht Severe COVID-19 may cause cognitive deficits equivalent to 20 years of aging

»Jetzt kommt der Hammer aus Dänemark. Auswertung der Daten von 1 Mio Menschen. Das Risiko für Alzheimer liegt nach einer SarsCov2-Infektion bei 350%. Für Parkinson 260%, Schlaganfall 270% und ein 480% für eine Blutung im Gehirn.« (Meint: 3,5x 2,6x, 2,7x und 4,8x so häufig wie bei der Vergleichsgruppe ohne Infektion.)
@IchBin_RO, Juni 2022, verlinkt auf Studienbericht COVID-19 positive patients at higher risk of developing neurodegenerative disorders, new study shows

»Ergebnis überrascht leider nicht weil SarsCoV viel stärker Hirn- und Nervengewebe direkt und indirekt angreift. Es ist leider zu befürchten, dass viele Ältere ihre Covid-Infektion später mit einer Demenz bezahlen müssen. Daher sind vermiedene Infektionen im Herbst dringend nötig
@Karl_Lauterbach, August 2022, bezieht sich auf diesen Tweet:
»Einige bemerkenswerte Ergebnisse (neurologisch/psychiatrisch) zu Post-Lovid/Long Covid. Im Vergleich zu anderen respiratorischen Erkrankungen mehr Demenz und kognitive Einschränkungen nach COVID-Infektion. Bemerkenswert auch der Vergleich Delta zu Omikron: „With omicron (n=39 845 in each cohort), there was a lower death rate than just before emergence of the variant, but the risks of neurological and psychiatric outcomes remained similar” Delta war klinisch sicher schwerer als Omikron. Warum ist aber das Risiko für Omikron ähnlich?«
@ECMOKaragianni1, August 2022, zitiert Lancet: Neurological and psychiatric risk trajectories after SARS-CoV-2 infection: an analysis of 2-year retrospective cohort studies including 1,284,437 patients

»Es verdichten sich die Studienhinweise, dass Long COVID oft mit andauernder Entzündung des Gehirns einhergeht. Da Impfungen nicht voll davor schützen, Wirkung 15-50%, ist Haltung, „bekommt sowieso jeder“, falsch. Bessere Impfstoffe und Medikamente kommen.«
@Karl_Lauterbach, Juni 2022, verlinkt Studie: Long COVID is associated with extensive in-vivo neuroinflammation on [18F]DPA-714 PET

»Starker Verlust Hirnleistung, IQ Senkung, durch Covid hat verschiedene Ursachen. Bei Beatmung werden 8,5 IQ Punkte verloren. Sicher ist Beatmung Teilursache. Was in 85.000 Personen Studie überrascht: Verlust auch deutlich bei leichten Fällen. Gründe? SarsCoV-2 schädigt Gehirn auf drei Arten: Virus befällt Gehirn, aber nur kleine Teile. Kleine Gehirngefässe werden beschädigt, Gehirndurchblutung schlechter, Mikroinfarkte. Und es kommt zu einer Immunreaktion im Gehirn, gegen eigenes Gewebe. Ob die Schäden bleiben? Unklar.«
@Karl_Lauterbach, Oktober 2022, verlinkt ein Springermedium mit Studienbericht

Cognitive deficits in people who have recovered from COVID-19 (PDF runterladen)
»Accordingly, in the current study, bio-positive cases who reported being ill with no breathing difficulties showed a 0.32SD magnitude cognitive deficit.«
Das meint die Standardabweichung des Intelligenzquotienten. (Ich weiß aus der Studie, dass -0,57 SD (beobachtet bei beatmeten Hospitalisierten) einer IQ-Veränderung von -8,5 entspricht. Die -0,57SD wären »equivalent to the average 10-year decline in global performance between the ages of 20 to 70 within this dataset.« Was entspricht 0,32 SD? Vermute, Dreisatz wäre hier der falsche Ansatz.)

»Bis zur Schleimhautimmunität ziehen wir dann alle die Hose mit der Kneifzange an, wählen AfD und begrüßen die russischen Truppen mit Brot und, äh, wie heißt das weiße Zeug nochmal? 🤪«
@systemnutte [sic!], April 2022

Corona-Infektion verändert Hirn von Betroffenen
»Die Patienten schnitten bei den kognitiven Tests nach der Corona-Infektion im Durchschnitt schlechter ab – anders als zur Kontrolle getestete Patienten nach einer Lungenentzündung. Offenbar sorgt also auch eine eher milde Infektion mit dem Coronavirus für Veränderungen im Gehirn […]«
(Spektrum, März 2022)

»New study finds cognitive deficits (visuoconstructive) after mild Covid-19, which were associated with changes in brain structure and brain metabolism.«
@quervain_de, Juli 2022, verlinkt Nature: Selective visuoconstructional impairment following mild COVID-19 with inflammatory and neuroimaging correlation findings

»Hier eine weitere Studie, die Volumenverminderungen im Gehirn von Personen nach milder COVID-19-Infektion im Vergleich zu einer Kontrollgruppe findet.«
@quervain_de, August 2022, zitiert Studie: Morphological, cellular, and molecular basis of brain infection in COVID-19 patients

Brain, nerve damage fears rise after study of millions of Covid patients
(MercuryNews/Bloomberg, September 2022)

Geht nachweislich auf Hirnveränderungen zurück:
Geschmacksverlust bei Long Covid: Wenn jede Mahlzeit zur Qual wird
(ZDF heute, August 2022)

Extensive study finds small drop in brain volume after COVID-19
»The results suggest some regions of the brain connected to the olfaction system may shrink slightly in the wake of an infection, although the effect is minor and its consequences are unclear.« – Für sich genommen interessant, aber andere Studien finden da noch mehr.
(Ars Technica, März 2022)

COVID-19 infection in crucial brain regions may lead to accelerated brain aging
»Major findings include that COVID-19 infections may predispose individuals to developing irreversible neurological conditions, may increase the likelihood of strokes and may increase the chance of developing persistent brain lesions that can lead to brain bleeding.«
(MedicalXpress, August 2022)

»Long COVID Brain Science: For ~100M suffering, let’s use data to combat myths & misinformation. COVID is biologically dangerous long after virus is gone. Long-COVID affects our: Olfactory & Limbic Systems, Interferon Autoimmunity, PET scans, Astrocytes, How?« (Thread mit vielen Studienverweisen)
@WesElyMD, Juni 2022

»„Sars2 ist neben vielen anderen unangenehmen Dingen neuroinvasiv, neurotrop und neurovirulent. Das bedeutet, dass Ihr Gehirn von Sars2 angegriffen wird. Direkt und indirekt.“ – Tolles Virus für Kinder und Familien!«
@CorneliaBeeking, Oktober 2022, übersetzt und verlinkt Studie: The neuroinvasiveness, neurotropism, and neurovirulence of SARS-CoV-2

We know by now that COVID affects the brain. One Infection can do serious damage, what will happen after multiple infections? A quick thread on COVID & Your Brain«
@MeetJess, Oktober 2022, verlinkt viele Studien und Studienberichte, darunter auch: Mild COVID Linked to Brain Damage: What That Means for You

COVID May Affect Spinal Fluid, Causing ‚Brain Fog,‘ Study Says
»Of the 13 participants with brain fog, 10 of them had abnormalities in their cerebrospinal fluid like those found in people with other infectious diseases, according to the study.«
(Medscape, Januar 2022)

»Ein „stiller Killer“ – COVID-19 löst nachweislich Entzündungen im Gehirn aus. Forschungsarbeiten unter der Leitung der Universität von Queensland haben ergeben, dass COVID19 im Gehirn die gleiche Entzündungsreaktion auslöst wie die Parkinson-Krankheit. […] „Wir stellten fest, dass die Zellen tatsächlich ‚wütend‘ wurden und denselben Signalweg aktivierten, den auch Parkinson- und Alzheimer-Proteine bei Krankheiten aktivieren können, nämlich die Inflammasomen.“ Dr. Albornoz Balmaceda sagte, dass die Auslösung des Inflammasom-Wegs ein ‚Feuer‘ im Gehirn entfacht, das einen chronischen und anhaltenden Prozess des Absterbens von Neuronen in Gang setzt. „Es ist eine Art stiller Killer, denn man sieht viele Jahre lang keine äußeren Symptome“, sagte Dr. Albornoz Balmaceda. „Das könnte erklären, warum manche Menschen, die an COVID-19 erkrankt sind, anfälliger für die Entwicklung neurologischer Symptome sind, die der Parkinson-Krankheit ähneln. Die Forscher fanden heraus, dass das Spike-Protein des Virus ausreicht, um den Prozess in Gang zu setzen, und dass er sich weiter verschlimmert, wenn bereits Proteine im Gehirn vorhanden sind, die mit Parkinson in Verbindung gebracht werden. „Wenn also jemand bereits eine Veranlagung für Parkinson hat, könnte COVID-19 das ‚Feuer‘ im Gehirn weiter anfachen“, so Professor Woodruff. „Das Gleiche gilt für eine Veranlagung für Alzheimer und andere Demenzerkrankungen, die mit Inflammasomen in Verbindung gebracht werden.“ […]«
@RWittenbrink, November 2022, zitiert und übersetzt ‘A silent killer’ – COVID-19 shown to trigger inflammation in the brain, was sich bezieht auf Nature: SARS-CoV-2 drives NLRP3 inflammasome activation in human microglia through spike protein
Hier ein australischer Fernsehbericht über die Parkinson-Parallelen.

Long Covid changes the human brain. We may finally know how
»In a recent study, we created brain organoids a little bigger than a pinhead and infected them with SARS-CoV-2, the virus that causes Covid-19. In these organoids, we found that an excessive number of synapses (the connections between brain cells) were eliminated – more than you would expect to see in a normal brain. […] The exaggerated elimination of synapses we saw in the Covid-infected models could explain why some people have cognitive symptoms as part of long Covid.«
Scroll.in, bezieht sich auf dieselbe Nature-Quelle wie eine Quelle weiter oben.

Dritte Zusammenfassung der Studie:
Scientists made mini brains and infected them with coronavirus. What they saw could explain Long COVID
(Fortune, November 2022)

»Hier beschreibt ein Arzt seine Erfahrung mit Long Covid. Ich kenne viele Menschen, die es mir ähnlich beschrieben haben. Es klingt unangenehm, aber über eine COVID-Infektion kann man, wenn man Pech hat, einen Teil seiner Intelligenz verlieren. Impfung senkt das Risiko von Long Covid.«
@Karl_Lauterbach, November 2022, verlinkt auf Long COVID and Me: A True Story

»By far the most disturbing information I’ve heard about Covid-19 this year is that all long covid patients who had MRI or autopsy found brain damage. Every single one. Brain damage. Seems like no one is talking about it.«
@sammy4723, November 2022

»Eine Studie aus den USA mit bildgebenden Verfahren zeigte 6 Monate nach einer Covid-19-Infektion Veränderungen in Hirnregionen, die assoziiert sind mit Sprachverständnis, Kognitionen, Kontrolle des zirkadanen Rhythmus, Angst, Depression, Fatigue, Kopfschmerzen.«
@EberhardSchlie, November 2022, verlinkt MRI Reveals Significant Brain Abnormalities Post-COVID: »The clusters obtained in the frontal lobe primarily show differences in the white matter.« – Da geht es also buchstäblich um Hirnschmelze.

»Weil zu wenige Menschen die neurologischen Folgen von Covid-19 kennen, sammle ich diese hier in einem Thread. In den nachfolgenden Tweets sind Einzelmeldungen und Threads enthalten, die man dann weiter aufklappen kann.«
@leseerlaubnis, Januar 2022, Thread mit vielen weiteren Links auf andere Threads, Artikel und Studien, Stand allerdings eben Januar 2022.

Studie: COVID-19 könnte Alterung des Gehirns beschleunigen
»Auffällig war auch, dass in den Zellen Gene aktiv waren, die mit Alterungsveränderungen des Gehirns in Verbindung gebracht werden.«
(Ärzteblatt, Dezember 2022), zitiert Nature: Severe COVID-19 is associated with molecular signatures of aging in the human brain

Covid-19: Long Term Brain Injury
»NYU Grossman School of Medicine evaluated the cognitive function of Covid-19 patients six months after they were hospitalized for Covid-19 […] Through in-person screenings, a team of neurologists diagnosed more than half of those who participated in the NYU study with encephalopathy. Encephalopathy broadly refers to damage or disease that alters the brain’s structure or function. Those diagnosed with encephalopathy had a higher than expected incidence of strokes and seizures. Another 21% had symptoms related to oxygen starvation related to Covid-19 damage to the lung and in some cases to the heart
(Forbes, März 2022)

4 – Folgeerkrankungen

Wie COVID-19 das Herz dauerhaft schädigt
»Was möglicherweise als kurzfristige Rettungsreaktion des Körpers gedacht ist, um den verminderten Blutfluss und die Unterversorgung mit Sauerstoff auszugleichen, könnte zur chronischen Schädigung des Herzens und zu Long Covid führen, vermuten die Forschenden. „Auf jeden Fall bestätigen die neuesten Untersuchungen unsere frühere Annahme, dass SARS-CoV-2 systemisch alle Gefäße im Körper angreift und diese langfristig umbaut“«
(Medizinische Hochschule Hannover, Januar 2023)

Hamburger Studie: Corona kann die Leber schädigen
»In den Untersuchungen zeigte sich weiterhin, dass eine Sars-CoV-2-Infektion die Zellprogramme in der Leber deutlich verändern und damit Auswirkungen auf den Stoffwechsel haben könne, ähnlich wie etwa bei unterschiedlichen Formen einer Hepatitis, heißt es in der Studie. „Diese Ergebnisse unterstreichen erneut, wie vielfältig die potenziellen Schädigungsmechanismen bei Covid-19 sind“«

Corona erhöht die Gefahr von Blutgerinnseln noch Monate nach Infektion
»[…] hatten die Infizierten auch sechs Monate nach der Infektion noch ein 33-fach erhöhtes Risiko für eine Lungenembolie, bei der ein Blutgerinnsel Arterien in der Lunge blockiert.«
(Spiegel.de, April 2022)

»BMJ: Study finds risk of serious blood clots up to six months after Covid-19: A study from Sweden published by The BMJ today finds an increased risk of deep vein thrombosis (a blood clot in the leg) up to three months after Covid-19 infection pulmonary embolism (a blood clot in the lung) up to six months, and a bleeding event up to two months. […]«
@RolandBakerIII, Juli 2022, zitiert und diskutiert Study finds risk of serious blood clots up to six months after covid-19

»Es wäre jetzt wirklich an der Zeit darauf hinzuweisen, dass eine Covid-19-Infektion aus einer Akut-Phase und einer Folge-Phase besteht. Jede einzelne Infektion kann eine symptomatische Folge-Phase auslösen. Auch bei Geimpften. Das muss dringend besser kommuniziert werden.«
@MrMads3, Juni 2022

Evidence for Biological Age Acceleration and Telomere Shortening in COVID-19 Survivors
Telomere sind die Enden linearer Chromosonen, deren Längen ganz entscheidend für die Alterung von Zellen sind.
»Nevertheless, it was shown here that individuals belonging to a group of COVID-19 survivors exhibited a significant acceleration of their biological age, occurring mainly in the younger individuals
(Studie, Mai 2021)

»Der Beipackzettel von SARS-CoV-2. Vorläufige Version, Updates folgen. Bitte außerhalb der Reichweite von Kindern aufbewahren (z.B. im S3-Labor).« (Schaubild)
@Robert83563198, September 2022

»Dies ist die erste Studie zur SARS-2-Reinfektion. Das Risiko für mindestens eine Folgeerkrankung nach 180 Tagen stieg von 135 % nach einer Infektion auf 211 % nach zwei und auf 300 % nach drei. SARS-2 trifft Sie jedes Mal härter.« (100% wäre in der Rechnung die Risikozahl ohne Infektion, die dann auf 1,35x so häufig wie bei Uninfizierten ansteigt usw.)
@CorneliaBeeking, Oktober 2022, zitiert und übersetzt aus Thread von @PeterJBeaver über die Studienbesprechung A reinfection red flag.
Gibt aber Widerspruch bei der Interpretation u.a. von @zeynep: »No. That’s not what that preprint shows at all, because that’s not what it’s comparing. It compares those known to be infected twice with those infected once—how could the latter not have more diagnoses? There is literally no other possibility.«, was aber auch diskutiert wird und ich weiß doch auch nicht! -.- Die schließlich veröffentlichte Nature-Studie heißt in der Endfassung Acute and postacute sequelae associated with SARS-CoV-2 reinfection, zitiere ich unten noch mal ausführlicher.

»Erste große Studie (US) zur Frage: Wie gefährlich sind wiederholte COVID-Infektionen. Leider zeigt sich: Mit jeder zusätzlichen Infektion steigt das Risiko von Langzeitschäden. Leider auch für Geimpfte. Auf die lange Sicht brauchen wir bessere Impfstoffe.«
@Karl_Lauterbach, November 2022, bezieht sich auf die diskutierte Nature-Studie im vorherigen Absatz und ich würde schon tippen, dass Lauterbach die Studie richtig interpretiert. Darin heißt es auch:
»The evidence suggests that for people who already had a first infection, prevention of a second infection may protect from additional health risks. Prevention of infection and reinfection with SARS-CoV-2 should continue to be the goal of public health policy.«
(Mehr Zitate daraus weiter unten)

»“I’ve never seen such sticky blood” says thrombosis expert
»The other thing that we’re seeing, which caught a lot of people out, is blockages in tiny vessels.«
(MedicalNewsToday.com, Mai 2020)

The COVID Event Horizon
»Doctors are now “seeing kids with [their] 3rd infection in [a] 4 month period. The shortest time between reinfection recorded by the CDC was 23 days. All of which begs the question: how many SARS-CoV-2 infections can an organism sustain? People don’t get the flu 2 or 3 times a year, and if they did that would probably *also* be bad. But getting a thing that kills your T cells seems not infinitely scalable, right? […] SARS-CoV-2 weakens the immune system and leads to damage of the brain, heart, lungs, liver, endocrine system, and much more, which in turn leads to increasingly worse COVID outcomes when you get infected again… and again… and again. […] Just because you’re supposed to “learn to live with it” doesn’t mean it will be for long.«
(Jenka auf Medium, Juni 2022)

»Die Lunge bei Menschen mit LongCovid (PASC) nach einer sogenannten leichten COVID-Infektionen: Eingehende funktionelle, Biopsie, bildgebende und immunologische Beurteilung zeigten eine wahrscheinliche T-Zell-Bronchiolitis und Narbenbildung.«
@WeingartenDE, Dezember 2022, verlinkt Studie: Clinical, imaging, serological, and histopathological features of pulmonary post-acute sequelae after mild COVID-19 (PASC) (PDF runterladen für Bilder)

»Diese Studie beendet das Narrativ der milden COVID-Varianten und der milden COVID-Infektion. Fazit: „Durch eine COVID-Infektion steigt das Risiko Thrombosen, Infarkte oder Schlaganfälle zu erleiden und man wird anfälliger für Infekte.«
@WeingartenDE, Januar 2023, verlinkt Nature: Transcriptional reprogramming from innate immune functions to a pro-thrombotic signature by monocytes in COVID-19

Plötzlicher Herztod, Schlaganfall, Demenz: Die unheimlichen Spätfolgen einer längst vergessenen Coronainfektion
Großartiger Zusammenschrieb des Spiegels von November 2022 mit den neuen Erkenntnissen des letzten Jahrs. Insbesondere erklärt er sehr gut und in Grafiken die Schädigung des Epithels/Endothels, also der Innenwand der Gefäße, die für Long Covid und viele Folgeerkrankungen einer Covid-Infektion verantwortlich gemacht wird. Ein S+-Testabo lohnt sich hierfür. Zum Endothel siehe auch @BergheimJeff unten.
(Spiegel+, Blendle, November 2022)

Metastudie: Diabetes-Risiko nach Covid-19 möglicherweise stark erhöht
Möglicherweise“, mysteriös! Das klingt im Artikeltext dann definitiver:
»Eine Infektion mit Sars-CoV-2 steigert bei Erwachsenen Personen das Risiko, Diabetes zu entwickeln um etwa 66 Prozent. […] Im Jahr 2017, also vor der Pandemie, hatten rund 7,7 Prozent aller Erwachsenen in Deutschland Diabetes, so das Robert Koch-Institut. Eine Steigerung um 66 Prozent würde zu einem Gesamtrisiko von etwa 12 Prozent führen.«
(MDR, Dezember 2022)

COVID-19 Surges Linked to Spike in Heart Attacks
»Smidt Heart Institute Study Shows Heart Attack Increase Has Been Most Prominent in Young Adults, Especially Those Ages 25-44. […] The possible explanations, Yeo said, include that COVID-19 may trigger or accelerate the presentation of preexisting coronary artery disease, even in younger adults.«
(Cedars-Sinai, Oktober 2022)

Wie eine Corona-Infektion Schwangere und ihre Kinder gefährdet
»Steckt sich eine Frau während der Schwangerschaft mit dem Virus an, führt das demnach zu einer um 70 Prozent erhöhten Wahrscheinlichkeit, dass ihr Kind zu früh zur Welt kommt. Um 86 Prozent höher liegt die Gefahr, dass ihr Neugeborenes einer Intensivbehandlung bedarf. […] Die einzelnen Studien wurden unterschiedlich gewichtet; insgesamt schließen die Autoren: Steckt sich eine Schwangere mit Corona an, hat sie ein fast achtmal höheres Risiko, die neun Monate nicht zu überleben, als eine Schwangere, die sich nicht infiziert. Rund viermal höher ist die Gefahr, dass sie auf einer Intensivstation behandelt werden muss. Auch das Risiko einer Lungenentzündung (rund 23 Mal so hoch) oder einer Thrombose oder Lungenembolie (etwa sechs Mal so hoch) steigen bei einer Corona-Infektion in der Schwangerschaft.«
(SZ+, Blendle, Januar 2023)

»In this large matched cohort study, COVID-19 was associated with an increased risk of being newly diagnosed with autoimmune disease 3-15 months after SARS-CoV-2 infection. A more severe course of COVID-19 was associated with a higher likelihood of being newly diagnosed with autoimmune disease. Incident autoimmune diseases were significantly more common in the post-COVID-19 period in all age and sex groups. The autoimmunity hypothesis is supported by a body of evidence linking viral infections to the pathogenesis of autoimmune diseases as well as results from recent clinical and basic research demonstrating persisting autoantibodies and serological autoreactivity following SARS-CoV-2 infection in a subset of patients.«
Die Infektionen fanden allerdings vor der Verfügbarkeit der Impfstoffe statt.
(Deutsche Studie, Januar 2023, Preprint. PDF runterladen.)

»The study shows increased likelihood of hospitalization, cardiovascular effects, blood disorders, diabetes, fatigue, kidney damage, mental health effects, musculoskeletal damage, neurological deficits, and pulmonary damage with each COVID-19 infection.«
@jeffgilchrist, März 2022, verlinkt und diskutiert Nature: ACE2-independent infection of T lymphocytes by SARS-CoV-2

Researchers discovered that overall heart attacks increased for all age groups since the onset of the pandemic by 14 percent.

By the second year of the pandemic [2022], heart attacks for the 45-64 age group increased by 19.6 percent and for the 65 and older group had increased by 13.7 percent.

»Researchers discovered that overall heart attacks increased for all age groups since the onset of the pandemic by 14 percent. By the second year of the pandemic (2022), heart attacks for the 45-64 age group increased by 19.6 percent and for the 65 and older group had increased by 13.7 percent. However, it was the youngest age group (25-44) that had the highest increase of nearly 30 percent
(khon2.com, Januar 2023, US-VPN benötigt), verlinkt auf Studie in Journal of Medical Virology: Excess risk for acute myocardial infarction mortality during the COVID-19 pandemic (September 2022, offenbar kein Open Access)
Zweiter Artikel dazu von Cedars-Sinai.org. (Oktober 2022)

An oder mit Corona gestorben? Die Obduktion gibt die Antwort
»Auf die Frage, ob die Menschen, deren tote Körper bisher untersucht wurden, nicht sowieso bald verstorben wären, hat Verhoff eine eindeutige Antwort: „Ganz klar nein! Die Menschen sind alle an und nicht mit Covid gestorben.“ Das bestätigt eine Auswertung des deutschlandweiten Obduktionsregisters DeRegCovid: Demnach starben 86 Prozent der Patienten an Covid-19, 14 Prozent mit dieser Erkrankung. […] Die Frankfurter Gerichtsmediziner haben noch mehr zu Covid-19 herausgefunden: etwa, dass nicht nur die Lunge, sondern viele Organe vom Coronavirus befallen werden. Und dass die Gefäße stark betroffen sind. Entzündungen dort verursachen Blutgerinnsel, die die Funktion von Organen massiv stören und letztlich zum schnellen Corona-Tod führen oder Schlaganfälle im Gehirn auslösen können.«
(Hessenschau.de, November 2022)

COVID Apartheid
»To recap: if you „already have other pathologies“ when you encounter the virus, you are at risk for worse outcomes. However, infection increases the chances you will develop the kinds of pathologies that can lead to worse outcomes, which would mean you will „already have“ them by the next go round.«
(Jenka auf Medium, Juni 2022)

5 – Schäden am Immunsystem

»Offenbar wird das Immunsystem durch COVID schlechter statt dass man „abhärtet“, Herdenimmunität tritt nicht ein, und hat man Pech, zerlegt es einen beim nächsten ernsten Infekt.«
@miriam_vollmer, März 2022, zitiert Nature: ACE2-independent infection of T lymphocytes by SARS-CoV-2: »As shown in our data, these T cells are likely to be targets of SARS-CoV-2 infection and undergo apoptosis in the HIF-1a-dependent pathway. These events may lead to T-cell dysfunction, depletion, and eventually lymphopenia in patients. In addition, the dying CD4 + T lymphocytes could trigger excessive inflammation that leads to severe immunopathogenesis in patients.«

»Intensivmediziner Darren Markland warnt davor, dass „leichte Omikron“-Infektionen die Immunität senken und Menschen anfällig für schwere Krankheiten machen können: Röntgenbild, Anfang 30, zuerst leichte Omikron dann schwere bakterielle Lungenentzündung.«
@WeingartenDE, April 2022, verweist auf Röntgenbild

»Es gibt zunehmend Hinweise, dass eine durchgemachte COVID-Infektion zumindest für eine Zeit die allgemeine Immunität schwächen könnte. Das könnte erklären, weshalb man nach COVID eher anfällig für andere Infektionen zu sein scheint.«
@Karl_Lauterbach, November 2022, verlinkt I’ve had COVID and am constantly getting colds. Did COVID harm my immune system? Am I now at risk of other infectious diseases?

»The thing is, they’ve known all along. The NYT published this article on June 26, 2020. This narrative was *extremely* inconvenient though. It was memory-holed rather quickly, so we could be free to rapidly infect the nation’s children.«
@LauraMiers, November 2022, verlinkt: How the Coronavirus Short-Circuits the Immune System

So verändert Covid-19 das Immunsystem
»Durch Covid-19 sinkt die Zahl und Funktionsfähigkeit bestimmter Immunzellen im Blut stark ab, wie Forscher der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) berichten. Dies könnte die Immunantwort auf Sekundärinfektionen beeinflussen.«
(Healthcare-in-Europe.com, Oktober 2021)

Lauterbach warnt vor unheilbarer Immunschwäche durch Corona
»Mehrere Corona-Infektionen bei einer Person können nach den Worten von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach schwerwiegende Folgen für das Immunsystem haben. „Es ist bedenklich, was wir bei Menschen beobachten, die mehrere Corona-Infektionen gehabt haben. Studien zeigen mittlerweile sehr deutlich, dass die Betroffenen es häufig mit einer nicht mehr zu heilenden Immunschwäche zu tun haben“, sagte Lauterbach der Düsseldorfer „Rheinischen Post“. […] „Das kann ein Risikofaktor für die Entstehung von chronischen Erkrankungen sein, angefangen bei Herz-Kreislauf-Problemen bis hin zur Demenz […] Das zeigt: Wenn jemand nach zwei Infektionen ein stark gealtertes Immunsystem hat, ist es ratsam, dass er weitere Covid-Infektionen vermeidet“, sagte Lauterbach.«
(NTV, Januar 2023)
Just am selben Tag fordert übrigens die FDP das Aus für Maskenpflicht in medizinischen Einrichtungen.
Wie ich in diesem Kapitel dokumentiere, ist das ohnehin schon länger bekannt, seit rund einem Jahr hab selbst ich Computerfuzzi dazu von Forschungen mitbekommen. Nun scheint die Studienlange auch für Lauterbach erdrückend geworden zu sein, oder wohlwollender formuliert, so belastbar eindeutig, dass er sich damit öffentlich zu mahnen wagt.

»Ist das ein Witz, das kristallisierte sich schon im Sommer raus und er hat trotzdem durchseucht mit seinen Ministerpräsidenten der Länder?!?!? Er braucht nicht mit Ausreden kommen, wenn hier Millionen chronisch krank sind […]«
@freeopinion007, Januar 2023

»Ab zwei Erkrankungen rechnet man mit irreversiblen Schäden am Immunsystem! Viele Kinder also bereits schwer krank! 😡«
@Jack71302298, Januar 2023

Die Wissenschaftsredakteurin Christina Berndt von der SZ („Wer Tiere liebt, sollte sie essen” 🐶) wirft Lauterbach unverantwortliche Panikmache vor 🤡
»Das ist starker Tobak und dürfte vielen Menschen große Sorgen bereiten. Schließlich werden aller Voraussicht nach in absehbarer Zeit sehr viele, wenn nicht quasi alle Bewohnerinnen und Bewohner dieses Landes mehrere Corona-Infektionen hinter sich haben.«
(SZ+, Januar 2023)
Das ist der Punkt!!

Lauterbach präzisiert es darauf hin als eine ‚noch unbekannte Dauer‘ und führt die Formulierung ‚nicht mehr zu heilend‘ auf einen Redigierungs-/Autorisationsfehler im Ministerium zurück. Was ich ihm abkaufe.

Drunter:
»Zur Info, ganz viele Studien zum Thema Immunschwäche durch Covidinfektion: [Twitter-Thread] Die Immunstörung hält mindestens acht bis zwölf Monate an. Da in der Zwischenzeit bei den meisten die nächste Infektionsrunde ansteht, lässt sich wohl von dauerhaft sprechen.«
@FrauT18, Januar 2023
Der dort verlinkte Thread von Andrew Erwing weist auf unzählige erschienene Studien zum Immunsystem nach Covidinfektionen ab Mai 2020 hin.

Selbst im besten Fall also, sollte sich das Immunsystem völlig von den Covidinfektionen erholen können, bedeuteten die politisch gesetzten Bedingungen des Laufenlassens im ‚endemischen Zustand‘ eine dauerhafte Immunschwächung der ganzen Bevölkerung.

»Inhaltlich kommt es auf das Gleiche raus, aber jetzt versteht es vielleicht jeder so, wie er es verträgt. Die Konsequenz sollte nun Maskenpflicht sein.«
@Ey75518304, Januar 2023

Virologin Isabella Eckerle über das populäre falsche Narrativ der „Immunschuld“ durch Maskentragen:
»In den letzten drei Jahren war jedes Immunsystem mit alle dem konfrontiert: Antigene aus Nahrungsmitteln, aus der Umwelt (z.B. Bakterien, Pilze), Herpesviren, unbehüllte RNA-Viren (zB Rhinoviren, Adenoviren), apathogene Viren, Pollen, Pflanzenstoffe, Antigene von Haustieren usw. Die Vorstellung, dass das Tragen von Masken außerhalb des eigenen Haushaltes (selbst wenn dies einige Stunden am Tag war) zu einem „zu wenig“ an Immunstimulation geführt hat, ist vollkommen unsinnig. Viele Kinder, die jetzt krank sind, haben nie eine Maske getragen (siehe Alter!). Niemand ist immunsupprimiert, weil es in den 2,5 letzten Jahren temporär Infektionsschutzmaßnahmen gab, diese Art der Immunosuppression gibt es nicht und ist biologisch nicht plausibel. Es gab allerdings für einige Viren weniger Zirkulation (hauptsächlich behüllte Atemwegsviren), so dass jetzt nach Wegfall aller Schutzmaßnahmen einfach mehr Menschen in einem relativ kurzen Zeitraum gleichzeitig krank sind. Weitere Aspekte sind ggfs. weniger Exposition von Schwangeren zu RSV (niedrigere Antikörper-Spiegel) und ggfs. Effekte der SARS-CoV-2-Infektion selbst. Zu beiden letzten Punkten muss man allerdings sagen, dass es dafür zwar wissenschaftliche Hinweise gibt, aber der Beitrag von beidem an der aktuellen Infekt-Welle nicht eindeutig bemessen werden kann. Den Begriff der angeblichen „Immunschuld“ gab es übrigens vor 2021 nicht! Im Übrigen hat Schweden, welches nie Schulen geschlossen hatte und nie Masken bei den Kindern hatte, ebenfalls eine sehr starke RSV-Welle. Es ist also mehr die global reduzierte Zirkulation einzelner Viren v.a. 2020, aber nicht einzelne Maßnahmen, die jetzt zur starken Welle führen. Da es im Moment sehr angespannt an den Kliniken ist +Mangel an Fiebersaft, Antibiotika, etc., kann man jedem nur empfehlen, Infektionen möglichst zu vermeiden: Maske in Innenräumen, krank zu Hause bleiben, Menschenmassen meiden. Ja, ist schwer in der Vorweihnachtszeit.«
@EckerleIsabella, Dezember 2022

»Justin Bieber, who had a „mild case of COVID“ in February, 2022, had to pause his world tour indefinitely in June when he announced he was diagnosed with Ramsey Hunt Syndrome, which has paralyzed half his face. Ramsey Hunt Syndrome is a post-viral disease caused by reactivation of the same virus as chickenpox. COVID has been shown to reactivate old viruses that a normally functioning immune system can otherwise keep at bay. Bieber’s wife, model, Hailey Bieber, also had COVD. In April she developed a blood clot (note: COVID’s inflammatory response can raise clotting factors in the blood) which, in concert with a congenital heart condition („other pathologies“), led her to have a stroke at 25. It was just a mild stroke tho.«
Jenka auf Medium, Juni 2022

6 – Kinder

»„Die früheren Annahmen, dass Kinder nicht schwer von dem Virus betroffen sein würden, müssen angesichts dieser neuen Daten überdacht werden.” Dr. Emily Volk, Präsidentin des College of American Pathologists. CDC: 87 % der fast 400 Kinder, die während des Untersuchungszeitraums ins Krankenhaus eingeliefert wurden, waren nicht geimpft, 30 % hatten keine medizinischen Grunderkrankungen, 19 % wurden auf die Intensivstation eingeliefert. Bei Kindern mit Diabetes und Fettleibigkeit war die Wahrscheinlichkeit einer schweren COVID-19-Erkrankung ebenfalls höher. Eine weitere Studie der CDC ergab, dass der Impfstoff bei Kindern zwischen 5 und 11 Jahren zu 31 % gegen eine Infektion mit der Omicron-Variante und zu 74 % gegen Krankenhausaufenthalte wirksam war. Gesundheitsexperten (CDC) erinnern die Eltern auch daran, dass sie ihr Kind umso eher boostern lassen können, desto früher sie es zwecks Grundimmunisierung impfen lassen, wenn die Behörden es zur Verfügung stellen (2 Impfungen bieten keinen ‚vollständigen‘ Schutz). Eine neue Studie von BioNTech, die Blutproben von 30 Kindern untersuchte, die eine dritte Impfung erhalten hatten, zeigte einen *36-fachen* Anstieg der Antikörper gegen die Omicron-Variante.«
@Lenri1720, April 2022, übersetzt und zitiert More children were hospitalized for COVID during omicron, CDC study finds. Most were unvaccinated.:
»Children may be less likely than adults to be hospitalized with COVID-19, but a recent study found those who are still unvaccinated are suffering the worst consequences of the disease compared with their vaccinated peers. […] But the CDC study found more children were hospitalized and admitted into the ICU during the omicron wave compared to the delta wave. Study authors say this is likely because the omicron variant is more transmissible than the delta variant and caused more infections.«

Ergo: „Kleine Kinder sind nicht gefährdet und brauchen keine Impfung“ ist eine dreckige Lüge.

Arzt: »Seeing kids with 3rd infection in 4 month period.«
@Kidsdoc1Rick, April 2022

»Im Zentrum für Kinderkardiologie und -pneumologie überflutet uns Long-Covid. Zu zweit sehen wir jeden Tag drei bis fünf Patienten mit Beschwerden nach SARS-CoV2-Infektion. Vor allem sehen wir sehr viele sportliche Kinder und Jugendliche, die über Wochen und Monate nicht mehr leistungsfähig sind zur Beurteilung einer Herz- oder Lungenbeteiligung oder mit Fatigue-Problematik. Das ist kein Vergleich zur Grippe.«
(Ärztenachtendienst, August 2022)

Virtually all children infected with COVID-19 show signs of blood vessel damage, study shows
»Making matters worse, this sign of cardiovascular damage is being seen in asymptomatic children as well as kids experiencing COVID-19 symptoms.«
studyfinds.org, Dezember 2020, bezieht sich auf Studie: Evidence of thrombotic microangiopathy in children with SARS-CoV-2 across the spectrum of clinical presentations

Spätfolgen für junge COVID-19-Patienten
Aus einem Zeitraum von Sommer bis Ende 2021, womit man zwar davon ausgehen kann, dass die Kinder eher noch nicht geimpft worden waren, was aber angesichts der zurückhaltenden Impfempfehlung auch mindestens ein Politikversagen ist.
Kinderklinik Erlangen, Oktober 2022, berichtet von eigener Studie: Pulmonary Dysfunction after Pediatric COVID-19

»Corona frisst das Endothel. Bei jedem. Egal ob jung oder alt. Es ist eine systematische Gefäßentzündung. Auch bei Kindern. Die können das besser verpacken, weil ihr Endothel in der Regel nicht vorgeschädigt ist, aber das ist es ja dann nach der Infektion. Glückwunsch.
Die Endothelschädigung ist eine Erkenntnis, die wir eigentlich schon seit dem Beginn der Pandemie haben und auf die oft genug, immer wieder hingewiesen wurde. Aber das Framing als „Atemwegserkrankung“ ist natürlich deutlich bequemer. Mai 2020 (!): COVID-19 verursacht auch eine systemische Gefäßentzündung [Siehe zum Thema Schäden an Endothel/Epithel auch dieser herausragende Spiegel-Artikel]
Eigentlich eiern wir seit 2,5 Jahren herum, schauen auf Hospitalisierung, Sterberaten usw, statt das eigentliche Ziel in den Fokus zu nehmen, diese systematischen Gefäßschädigungen, die nicht bei jedem unmittelbar zum Tod führen, aber bei sehr vielen zu langfristigen Schäden.
Das müssen wir nicht einmal Long-Covid nennen oder Fatigue oder so – das scheint sich auch ohne dass man es vorher merkt in Myokardinfarkten u.ä. zu manifestieren. Prävention. So viele Infektionen wie möglich verhindern. Eigentlich selbstverständlich.
Aus dem Retweet [über den er schreibt]: Das Endothel ist nicht mit Nerven versehen, es tut nicht weh, wenn es geschädigt wird. „Wer nicht hören will, muss fühlen” gilt hier erst einmal nicht. Da muss schon mit Wissen und Vernunft ran. Wisst ihr noch, „flatten the curve“? Unser allererstes Ziel war immer das einzig richtige. […]«
@BergheimJeff, Oktober 2022

Langzeitfolgen von Covid-19 in allen Altersgruppen
»Auch Kinder und Jugendliche haben oft anhaltende Symptome nach einer Covid-19-Erkrankung. Die Ergebnisse bestätigen bisherige Befunde über Long Covid und widersprechen älteren Studien, die keine Langzeitfolgen bei jüngeren Altersgruppen gefunden hatten.«
(Spektrum, November 2022)

Reaktion auf Lauterbach, der einen Bericht verlinkt und kommentiert, durch Covid könne man einen Teil seiner Intelligenz verlieren (siehe oben):
»Prima… warum lassen wir das wieder und wieder ohne Schutz durch Kitas und Schulen laufen? Insbesondere da Kinder ebenfalls ein Risiko haben? Haben Sie eigentlich eine Verantwortung in diesem Fall oder informieren Sie nur die Twitterblase?«
@CorneliaBeeking, November 2022

Veränderungen der linken Herzkammer bei vorher gesunden Kindern nach asymptomatischer/milder Covid-Infektion
@doceos2, Januar 2023, verlinkt auf Mid- and Long-Term Atrio-Ventricular Functional Changes in Children after Recovery from COVID-19

Wie effektiv Schulschließungen und andere Maßnahmen sind
»[…] kam nach der Auswertung der gesamten Datenmenge [der schweizer 🇨🇭 Studie] zu dem Schluss, dass vor allem drei Maßnahmen in besonderem Maße gegen die Ausbreitung des Coronavirus helfen. Demnach helfen vor allem Schulschließungen, Schließungen von Restaurants, Bars und Geschäften sowie die Kontaktbeschränkungen auf maximal fünf Personen am besten gegen Corona.«
(Frankfurter Rundschau, Januar 2021)

„KMK wusste im Januar von der hohen Wirksamkeit von Schulschließungen – und hielt Studienergebnisse unter Verschluss“
War ne eigene deutsche 🇩🇪 Studie, denn Daten von der öffentlichen schweizerischen eins oben wären ja auf keinen Fall auf unser Schulsystem übertragbar, wo denkt ihr hin!!
(News4Teachers.de, August 2021)

Epidemiologe:
»Schulen sind ein Hauptumschlagplatz für das Virus, von hier aus gelangt es in die Erwachsenen- und auch die vulnerablen Gruppen. Auch wenn das nicht gern gehört wird. Ich würde sogar dafür plädieren, in Schulen zwei- bis dreimal in der Woche zu testen und auch in Betrieben mit vielen Kontakten.«
(t-online.de, Juli 2022)

»Ausserdem vermutet er, dass die Störungen bei Kindern unterdiagnostiziert sind: Es fehle vielen Kindern in den jüngeren Alterskohorten für viele der typischen Long-Covid-Symptome schlicht und einfach das Ausdrucksvermögen. „Kinder sagen zum Beispiel ja nicht einfach Bescheid, wenn sie müder sind als sonst. Und auch ihr Denkvermögen ist nichts, über das sie besonders häufig nachdenken.“«
(Medical-Tribune.ch, März 2022)

Wieso haben eigentlich die heilige STIKO und die Kinderärztoj bei Impfempfehlung und Durchführung der Kinderimpfung so elendig lange die ganze Republik hingehalten? Aus Pfadabhägigkeit! Die Pädiatoj waren zu stolz, ihren frühen Fehler einzugestehen:

Januar 2022, bevor sich die STIKO zu einer Minimalimpfung überwandt: »Zum Glück tun sich nicht alle Kinderärzte schwer, Kinder vorsorglich die Schutzimpfung zu geben. Wer sich schwer tut, sind die, die sich 2020 weit aus den Fenster gelehnt und verkündet haben, daß Kinder nicht oder kaum schwer an COVID-19 erkranken. Mit dem zu der Zeit umgehenden Wildtyp des SARS-CoV-2, Wu, war dies vielleicht nicht einmal falsch. Leider wurde dieses Mantra dann zum Dogma erhoben, auch wenn spätestens seit Delta, 07/21 (eigentlich schon seit Alpha, 01/21) dieses Mantra hätte überprüft werden müssen. Man braucht nur 7-Tage-Inzidenz und Hospitalisierungsraten in den pädiatrischen Altersgruppen (Beispiel England) vergleichen, und man sieht wie longitudinale Änderungen und Anstiege in der Kinderhospitalisierung mit Änderung in der 7-Tage-Inzidenz einhergehen. Es drängt sich der Eindruck auf, daß die Kinderärzte (wie auch die Politiker), die das Mantra der nicht oder kaum schwer erkrankenden Kinder zum Dogma erhoben haben, sich weigern, die geänderte Datenlage zu akzeptieren, da man vermeiden will, ob einer Revision dieses Dogmas das Gesicht zu verlieren. Als ob dies nicht schon traurig genug wäre, wurde daß Mantra schon in 2020 von manchen Kinderärzten wie Gesundheitsämtern für so unanfechtbar gehalten, daß man sich weigerte, Verdachtsfälle bei Kindern zu testen […]. Kinder bekamen kein COVID-19 und wurden nicht krank!«
@WolfmannotJack, Januar 2022

»Nur in Deutschland wird das Betroffensein von Kindern (das relativ betrachtet gering ist, ja) komplett negiert. Die diesbezüglich aktiven Kräfte sind überaus vernetzt und aggressiv unterwegs.«
@HanefeldMarc, April 2022, Hausarzt

STIKO und Pädiatoj haben eiskalt monatelang Eltern gegaslichtert, bis sich die erdrückende medizinische Evidenz nicht mehr mit salbungsvollem Geschwurbel relativieren ließ. Bis sie dann Ende Mai 2022 eine jämmerliche Dosis für Fünf- bis Elfjährige empfohlen haben.

STIKO-Empfehlung: Einmalige Impfung für Fünf- bis Elfjährige
»Die STIKO schätzt, dass der Anteil der Fünf- bis Elfjährigen, die bereits mindestens einen Kontakt mit dem SARS-CoV-2-Antigen hatten, Ende März 77,5 Prozent betrug.«
(Tagsschau.de, Mai 2022)

»Nein. Eine (1) Impfdosis ist nirgends „Standard“. Das ist unwissenschaftlicher Mumpitz, ein jämmerliches Rückzugsgefecht der Durchseuchungsfraktion. Mehr nicht.«
(Mittlerweile gelöschter Tweet)

»Da das sicherlich nicht die letzte Pandemie ist, sollte man vllt mal drüber nachdenken, die STIKO in die Profis beim RKI zu integrieren statt das lebenswichtige Thema einem fragwürdigen, ehrenamtlichen Spaßgremium zu überlassen.«
@nihlo, Mai 2022

»…die STIKO empfiehlt entgegen der EMA-Zulassung (!!!) eine einfache Impfung von Kindern zwischen 5 und 11 Jahren. Also Offlabel… ohne Daten… also wegen Kennedy, Mondlandung oder eines „gewissen Immunschutzes“… Herr Terhardt und Herr Mertens haben eben so ein Bauchgefühl
@semanthis, Mai 2022

»Es ist das Jahr 2022, und ich darf gar nicht laut sagen, wieviele Eltern ich kenne, die heimlich und konspirativ mit ihrem Kind zum Impfen zu einem Off-Label-Arzt gehen, als lebten wir im Mittelalter und der Pfarrer hätte verboten, den Heiler aus dem Morgenland zu besuchen.«
(Mittlerweile gelöschter Tweet)

»Kaum bekannter Hintergrund zu Mertens: Er hat 2018 auf Kongress von Anthroposophen und Homöopathen Impfpflicht für Masern abgelehnt. Erklärt einige seiner letzten Entscheidungen/Stellungnahmen.«
@pelagicbird, Dezember 2021, mit Screenshots und Links
(Wobei ich mir an dieser Stelle Widerworte erlaube gegen das verbreitete Verständnis, die Anthroposophie sei per se impfgegnerisch – nach meiner Recherche sind es schon sehr die konkreten durchgeknallten Anthroposophoj und Waldorfloj und ihr ganzes Milieu mit Neigung zum Impfgegnertum, die das Quellenmaterial dahingehend selektiv auslegen. Steiner war erklärt pro Impfung, auch wenn er einmal in eine bizarre Zukunftsschwurbelei geriet von einer möglichen materialistischen ‚Impfung‘ in Jahrtausenden, die Menschen den Sinn fürs Spirituelle austreiben solle. Meist wird sich nur darauf bezogen. Dabei hat Steiner die Pockenimpfung von Kindern angeordnet und auch sich selbst impfen lassen. Man kann ihm in Richtung Rassismus ja einiges zurecht vorwerfen, aber in diesem Punkt geht die Kritik meiner Meinung nach zu weit. Die Impfgegnoj missbrauchen die absichtlich perfide manipulativ aus dem Kontext fehlzitierte Anthroposophie als vorgeschobene Legitimation für ihre Ängste und Verschwörungstheorien und zur Agitation unter Esos, als potentielle Mitstreitoj ihres Protests. Nichtsdestotrotz: Die meisten Anthros sind Impfgegnoj und anthroposophische Ärztoj haben noch mal einen ganz besonderen Schaden.)

Drosten: »Vereinfacht gesagt haben junge Menschen viele naive Immunzellen. Diese reifen mit zunehmenden Kontakten zu Erregern zu Gedächtniszellen, und die naiven Immunzellen können nicht unbegrenzt nachproduziert werden. Derzeit bekommen Immunologen Befunde, die suggerieren, dass diese Alterung des Immunsystems bei Kindern nach Coronainfektion viel fortgeschrittener ist, als man es erwarten würde. Man kann sich nun zugespitzt fragen, ob ein ungeimpftes Kind nach Infektion vielleicht mit 30 das Immunsystem eines 80-Jährigen haben wird. Die Durchseuchung der Kinder wäre dann ein riesiger Fehler gewesen. Das wäre ein extremes Szenario, das man aber mit erwägen muss. Allerdings haben wir keine Infektionskrankheit so gut erforscht wie Sars-Cov-2. Gut möglich, dass es sich bei anderen Infektionen auch so verhält und das Phänomen nach zwei, drei Jahren verschwindet, weil gerade junge Kinder noch naive Immunzellen nachproduzieren können. Wir wissen all dies noch nicht. Ich hatte aus Vorsicht immer für die Impfung und den Infektionsschutz von Kindern plädiert.«
(Tagesspiegel+, Dezember 2022)

Kinder in der Corona-Pandemie: Kaum geimpft, wenig geschützt
Lange zirkulierte zudem das Narrativ der angeblich viel schwerer wiegenden psychischen Schäden durch die Maßnahmen als durch das eigentliche Covid bei Kindern – eine manipulative Behauptung, die aus der selektiven Wahrnehmung von Kinderärztoj stammte, welche die wissenschaftliche Evidenz bewusst ignorierten. Sehr lesenswerte Stimmen in diesem Zeit-Artikel.
(Zeit, 2022)

Wie Schulleitungen vom Land unter Druck gesetzt werden, Probleme mit Corona zu verschweigen – und zu lügen („Ihre Schule ist sicher“)
(News4Teachers, November 2022)

Amtsärzte gegen Maskenpflicht an Schulen
»„Bei den aktuellen Varianten ist eine Maskenpflicht im Unterricht nicht nötig”, sagte Johannes Nießen, Vorsitzender des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes« 🤡
(Tagesschau.de, September 2022)

Ärztepräsident Klaus Reinhardt:
»„Es ist völlig unangemessen, dass Kinder und Jugendliche stundenlang im Unterricht eine Maske tragen müssen, während die Erwachsenen abends maskenlos ins Lokal gehen können […] Das steht in keinem Verhältnis.“«
(RedaktionsNetzwerkDeutschland, Oktober 2021)

Aber Erwachsene unterliegen nicht der allgemeinen Lokalpflicht!! Kinder werden in die Präsenz gezwungen, werden in die Durchseuchung getrieben!

Das verstörendste Narrativ aber war dieses:
Maskenpflicht in Schulen soll ab November [2021 in NRW] fallen
»„Wir wollen, dass die Kinder sich wieder von Angesicht zu Angesicht auch im Unterricht begegnen“, erklärte Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) gegenüber dem WDR. Das Ende der Maskenpflicht wäre ein „weiterer Schritt zur Normalität“. Und sie ergänzte: „Die Schülerinnen und Schüler haben sich das auch verdient. Wir haben ihnen ja viel in den vergangenen Wochen und Monaten zugemutet.“«
(WDR, Oktober 2021)

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll bei dieser perfide bö… Rahmung. Zunächst einmal: Die Rückkehr in die prä-pandemische Normalität ist eine unwissenschaftliche Träumerei – dieses Virus ist gekommen, um zu bleiben! Solange wir keine sterile Impfung haben, wird es sich durch Hirne, Lungen, Herzen, Lebern und Gefäße fressen, immer und immer wieder! Wer Kinder schützt, schützt auch die Familien, in denen diese Kinder leben! Der schützt Eltern, die bei Erkrankung nicht zur Arbeit können, oder wenn sie es aus Ignoranz oder Zwang tun, dort weitere anstecken. Immer mit der 1/6-Wahrscheinlichkeit beim Long-Covid-Roulette und erheblichem Schaden für die Wirtschaft. Diese Eltern haben auch Eltern, die sie infizieren können. Aber überhaupt: Es herrscht Schulpflicht, die gilt auch für ältere Schüloj mittelbar, weil sie einen höheren Abschluss anstreben. In dieser Lehr- und Verwahranstalt wird jetzt ein hyperinfektiöses, neutrotropes Virus mit zudem einer Reinfektionszeit von nur wenigen Wochen frei laufen gelassen. Es gibt keine Rücksicht auf vorerkrankte Kinder mehr und eine ganze Generation wird von den politisch Verantwortlichen gegaslichtert durch die strukturelle Entscheidung, alle Schutzmaßnahmen für unnötig zu erklären, weil die Erkrankung nun angeblich so harmlos sei. Yvonne Gebauers Satz: „Die Schülerinnen und Schüler haben sich das auch verdient“, ist der blanke Hohn der Durchseuchungsfraktion. Ähnliche Rahmungen in der Argumentation für das Ende der Maskenpflicht in Schulen fielen in allen Bundesländern. Selbst die Lehroj tragen längst kaum mehr Maske, weil auch sie keinen Durchblick bei den Corona-Gefahren haben und genauso den starken medialen Narrativen der ach so ‚milden‘ Erkrankung aufsitzen.

7 – Das Märchen von der dauerhaften Schleimhautimmunität durch Infektion

»Drosten liegt wieder falsch. Studie bestätigt, dass die Re-Infektionen (mild und moderat!) einen sehr beschränkten Einfluss auf die Immunität haben.
„Conclusions: After a full vaccination course, breakthrough mild-to-moderate Delta and Omicron infections have limited immunogenicity. Prior infections exert reduced protection against later reinfection or infection from novel variants.„«
@IchBin_RO, Juni 2022, verlinkt SARS-CoV-2 Antibody Response against Mild-to-Moderate Breakthrough COVID-19 in Home Isolation Setting in Thailand

»Es gibt auch keinen „Trainingseffekt“: „Compared to the non-infected control group, those who only had one infection had an increased risk of at least one sequela […] the risk was higher in those who had two infections […] and highest in those with three or more infections […].«
@robilad, Juni 2022, verlinkt diesen Thread, der sich bezieht auf Nature: Acute and postacute sequelae associated with SARS-CoV-2 reinfection (im Juni war sie noch Preprint)

…Aus ebendieser Studie:
»Compared to no reinfection, reinfection contributed additional risks of death (hazard ratio (HR) = 2.17, 95% confidence intervals (CI) 1.93–2.45), hospitalization (HR = 3.32, 95% CI 3.13–3.51) and sequelae including pulmonary, cardiovascular, hematological, diabetes, gastrointestinal, kidney, mental health, musculoskeletal and neurological disorders. The risks were evident regardless of vaccination status. The risks were most pronounced in the acute phase but persisted in the postacute phase at 6 months. Compared to noninfected controls, cumulative risks and burdens of repeat infection increased according to the number of infections. Limitations included a cohort of mostly white males. The evidence shows that reinfection further increases risks of death, hospitalization and sequelae in multiple organ systems in the acute and postacute phase. Reducing overall burden of death and disease due to SARS-CoV-2 will require strategies for reinfection prevention. […] Compared to the noninfected control group, those who only had one infection had an increased risk of at least one sequela […]; the risk was higher in those who had two infections […] and highest in those with three or more infections«
Siehe auch Einordnung von Eric Topol: A reinfection red flag und in Havard Magazine: Rising Risks with COVID Reinfection und diese Diskussion der Studie. Was die Studie auf jeden Fall aussagt, ist dass das Risiko für schwere Folgeerkrankungen deutlich größer ist als ohne Infektion. Aber das ist ja gerade der Pfad, auf den uns das Geschwätz von der „langfristig robusten Schleimhautimmunität“ führt.

Where’s the herd immunity? Our research shows why Covid is still wreaking havoc
»This lets us examine whether Omicron was, as some hoped, a benign natural booster of our Covid immunity. It turns out that isn’t the case. […] Even having had Omicron, we’re not well protected from further infections. […] Contrary to the myth that we are sliding into a comfortable evolutionary relationship with a common-cold-like, friendly virus, this is more like being trapped on a rollercoaster in a horror film. There’s nothing cold-like or friendly about a large part of the workforce needing significant absences from work, feeling awful and sometimes getting reinfected over and over again, just weeks apart. And that’s before the risk of long Covid.«
(The Guardian, Juli 2022)

Studienbesprechung: COVID-19: Reinfektionen können Sterberisiko wieder erhöhen
»Bei einer Reinfektion kam es erneut häufiger zu Komplikationen in den Lungen (HR 2,49) und mehreren extrapulmonalen Organsystemen einschließlich Herz-Kreislauf-Erkrankungen (HR 2,36), hämatologische Störungen (HR 2,22), Fatigue (HR 2,40) […] Eine erhöhte Rate von Folgeerkrankungen war auch nach 6 Monaten noch nachweisbar. […] Das Risiko stieg mit jeder weiteren Infektion. So war das Risiko auf eine Komplikation nach der 1. Infektion um 35 % erhöht (HR 1,35). Nach der 2. Infektion war es doppelt so hoch (HR 2,11) und nach 3 oder mehr Infektionen dreimal so hoch (HR 3,00). […] Die Erwartung, dass die Immunität durch eine Infektion bei einer erneuten Erkrankung vor Komplikationen schützt, scheint sich nicht zu erfüllen.«
(Aerzteblatt.de, Juli 2022)

»Anyone (!!!) insisting that repeat COVID infections don’t accumulate the risk of negative outcomes like Long Covid is not to be trusted. it doesn’t matter how many degrees they have. All of their statistical modeling will be long gone when you’re struggling to care for yourself. An argument like „most“ people won’t become disabled isn’t worth a damn when you’re utilizing every last bit of willpower to think, stand or exist. Once again. These People Are Not Your Friends™️.«
@fucklongcovid, Oktober 2022

Zur schwachen Schleimhautimmunität durch die Impfung:
»Wie kommt es dann bei Geimpften überhaupt zur (geringen) Bildung von IgA im Speichel [= Schleimhautimmunität]? Das weiß man nicht. Eine Hypothese der Autoren: nach mRNA-Impfung gebildetes Spike-Protein „schwimmt“ im Blut zu den Speicheldrüsen und löst dort eine IgA-Synthese aus.«
@Doc_MediFacts, April 2022 (Thread) (Account ist ansonsten Corona-Verharmloser), verlinkt Studie Systemic and mucosal IgA responses are variably induced in response to SARS-CoV-2 mRNA vaccination and are associated with protection against subsequent infection

Politiker… »[…] nutzen halt das Märchen von der [langfristigen] „Schleimhautimmunität“. Wahrscheinlich, um hinterher sagen zu können „Ist ja nicht unsere Schuld. WIR haben auf die Wissenschaft gehört, woher hätten wir ahnen sollen, dass es so was [bei Covid-19] gar nicht gibt?“«
@Stormageddon666, April 2022

»Ich nehme Prof. Drosten seine Äußerungen zur Schleimhautimmunität wirklich über alle Maßen übel. Es gibt für NICHTS davon auch nur den Hauch von Evidenz. Dieses ganze Konzept „3x geimpft, dann infiziert => tolle Immunität“ ist wissenschaftlich komplett auf Sand gebaut.«
@Stormageddon666, April 2022

»Naja, bei den anderen bisher bekannten Viren läuft es halt so. Aber da hier alles komplett neu gewürfelt ist, bin und bleibe ich ebenso skeptisch, dass wir sicher wissen, was passieren wird, wenn wir uns alle 5, 10, 20 mal in 5 Jahren mit verschiedensten Mutanten infiziert haben.«
@FlotteBiene86, April 2022

So gern ich das hier so stehen lassen würde und die Einwände damals auch in ihrer Wortwahl berechtigt erschienen: Mittlerweile vermute ich, Drosten hatte Vorabeinblick über den Verlauf dann später veröffentlichter Studien – die aber auch skeptisch gelesen werden sollten. Im folgenden Kapitel diskutiere ich zwei.

Hier erklärt Drosten selbst, warum das mit der erhofften Schleimhautimmunität bei Omikron nicht mehr so toll klappt:
»Ein Grund für die häufigen Reinfektionen ist wahrscheinlich, dass sich Omikron nicht mehr so stark in der Lunge vermehrt wie frühere Varianten, sondern meist in den oberen Atemwegen bleibt. Infektionen in der Lunge führen zu einer stärkeren Immunreaktion und später zu einer ausgeprägteren Immunität. Das scheint bei Omikron in der Tat nicht der Fall zu sein, jedenfalls nicht bei den Sublinien BA.1 und BA.2. Auch bei den saisonalen Coronaviren, die endemisch in der Bevölkerung zirkulieren, sehen wir ja regelmäßige Reinfektionen in den oberen Atemwegen. Für die Omikron-Subvariante BA.5, die seit Kurzem in Deutschland dominant ist, gibt es Hinweise, dass sie doch wieder stärker die tieferen Atemwege befällt – also könnte auch die Immunität nach der Infektion möglicherweise wieder stärker ausgeprägt sein. Dazu fehlt uns allerdings noch genaueres Wissen.«
(Spiegel+, Juni 2022, Blendle)
Die aktuell kurzen Reinfektionsintervalle sprechen dagegen.

»After 70+ years of constant transmission, the rabbits didn’t achieve herd immunity to myxoma virus. Must’ve been all the rabbit lockdowns…«
@RadCentrism, September 2022, zitiert Studie im Unterthread: Next step in the ongoing arms race between myxoma virus and wild rabbits in Australia is a novel disease phenotype
(Herdenimmunität ist nicht Schleimhautimmunität, ich weiß. Warum Herdenimmunität bei Covid-19 unerreichbar ist, eine mathematische Annäherung: The Diminishing Hope Of COVID-19 Herd Immunity)

»Smallpox [Pocken] was in the human population for ~10,000 years… it never mutated to a lesser form. It killed 300+ million people in the 20th century alone. A “Smallpox Zero” strategy eradicated it […]«
@RadCentrism, September 2022

»And the bubonic plague [Beulenpest/„Die Pest”] remained virulent for at least 360 years, killing 40% of the inhabitants of Stockholm as late as 1710.«
@nessumsarkirneh, September 2022

8 – Drosten ist nicht dein Freund

Der Virologe Christian Drosten ist als intimer Kenner des SARS-Virus früh in der Pandemie zum Corona-Erkläronkel der Nation aufgestiegen. Er hat im NDR-Info-Podcast „Das Coronavirus-Update“ die komplexe rollende Forschungslage um das Virus einem Millionenpublikum verständlich machen können. Seine Sachlichkeit und seine schwurbellose Ansprache kontrastierten ihn zur Tagespolitik des Kabinetts Merkel IV und ließen nicht wenige seufzen – er schien dem Phantasma einer ersehnten Expertenregierung am nächsten zu kommen.

Der charismatische Mann mit dem gewissen struwweligen Sexappeal, der auch die Bundesregierung in Pandemiefragen beriet, wurde spätestens durch seine Fernsehauftritte in akademischen Kreisen zur Kultfigur, auf die viel projiziert worden ist, was er nicht ist. Seit 2021 ließ er eine morbide fatalistische Faszination mit der Infektion erkennen: Unvermeidbar und letztlich der Weg aus der Pandemie, schließlich erzeuge sie eine angeblich robuste Schleimhautimmunität. In diversen Ausführungen legte er nahe, dass die Infektion auf Basis der Grundimmunisierung durch die Impfung epidemiologisch wünschenswert sei und leistete damit durch seine kaum überschätzbare gesellschaftliche Autorität den Lockerungsdränglern erheblichen Vorschub. Die in den vorherigen Kapiteln angeführten Folgeschäden haben es bei ihm allenfalls zu Randbemerkungen gebracht. In diesem Kapitel zitiere und kontextualisiere ich einige seiner Aussagen.

Ich rate: Lasst eure Drosten-Shirts in Zukunft vielleicht doch besser im Schrank.

»Das heißt, wir alle werden und müssen uns früher oder später mit Sars-Cov-2 infizieren?
Drosten: Ja, wir müssen in dieses Fahrwasser rein, es gibt keine Alternative. Es hat sich ja irgendwann die Idee formiert, dass man Sars-Cov-2 komplett unter Kontrolle halten könne und müsse. Aber das ist nicht realisierbar. Das bedeutet aber nicht, dass diejenigen Recht hatten, die Sars-Cov-2 für harmlos halten und ungehemmt durch die Bevölkerung rauschen lassen wollen, die Durchseuchungsanhänger. Beides sind laienhafte Vorstellungen, die nicht tragfähig sind. Wir können nicht auf Dauer alle paar Monate über eine Booster-Impfung den Immunschutz der ganzen Bevölkerung erhalten. Das muss das Virus machen. Das Virus muss sich verbreiten, aber eben auf Basis eines in der breiten Bevölkerung verankerten Impfschutzes. Die abgeschwächte Infektion auf dem Boden der Impfung, das ist so etwas wie ein fahrender Zug, auf den man aufspringt. Irgendwann muss man da aber auch mal drauf springen, sonst kommt man nicht weiter. Die gute Nachricht ist: Im Moment fährt der Zug angenehm langsam, denn Omikron hat eine verringerte Krankheitsschwere.«
(Tagesspiegel, Januar 2022)

Die Alternative ist nasaler Impfstoff für langanhaltende Scheimhautimmunität, statt einer verdammten Wildinfektion mit neurologischen Schäden und stark erhöhtem Risiko für eine Unzahl an Folgeerkrankungen!
Das Erschreckende hier ist seine Aussage darüber, nicht auf Dauer alle paar Monate die Bevölkerung durchboostern zu können, das „muss das Virus machen“. Also alle paar Monate infizieren mit jedem Mal erhöhtem Risiko für Long Covid, statt Infektionen unbedingt zu vermeiden, solange wir noch keinen nasalen Impfstoff haben.

»Da sind dann eigene T-Zellen, die dort sitzen, lokale B-Zellen, die dort lokal Antikörper machen. Also diese Infektionsimmunität, die ist auf Dauer robuster. Mein Ziel als Virologe Drosten, wie ich jetzt gerne immun werden will, ist: Ich will eine Impfimmunität haben und darauf aufsattelnd will ich dann aber durchaus irgendwann meine erste allgemeine Infektion und die zweite und die dritte haben. Damit habe ich mich schon lange abgefunden. Und dann weiß ich, bin ich richtig langhaltig belastbar immun und werde nur noch alle paar Jahre überhaupt mal dieses Virus sehen, genau wie ich die anderen Coronaviren auch immer mal wieder sehe. Das kann ich als relativ gesunder Erwachsener so für mich verantworten.«
Coronavirus-Update, September 2021

Okay, das mag ja die empirische Erfahrung mit früheren Coronaviren sein, blöderweise löst SARS-CoV2 verlässlich Hirnschäden, Long Covid und tausend andere Folgeerkrankungen aus. Wollen wir das von nun an einfach gesellschaftlich einpreisen, um die Existenz dieses Virus’ zu verdrängen?

»[…] die ideale Immunisierung ist, dass man eine vollständige Impfimmunisierung hat mit drei Dosen und auf dem Boden dieser Immunisierung sich dann erstmalig und auch zweit- und drittmalig infiziert mit dem wirklichen Virus und dadurch eine Schleimhautimmunität entwickelt, ohne dabei schwere Verläufe in Kauf nehmen zu müssen. Und wer das durchgemacht hat, der ist dann irgendwann wirklich über Jahre belastbar immun und wird sich nicht wieder reinfizieren. Und das haben Bevölkerungen insgesamt im Moment noch nicht erreicht.«
Coronavirus-Update, Febuar 2022

Drosten hat das Memo mit Long Covid, kardiovaskulären Gefäßerkrankungen etc. noch immer nicht erhalten. Er wirbt hier effektiv gar für die Infektion! Im Februar 2022 waren sogar schon erste Studien zu den Hirnschäden veröffentlicht. Ein „schwerer Verlauf” – das sind die mit Beatmung im Krankenhaus – droht nach 3+ Impfungen in der Tat kaum noch, aber kann das wirklich sein Maßstab sein?

Die effektive Infektionsempfehlung nimmt er dann erst im Juni 2022 zurück:

»Auf gar keinen Fall sollte man sich absichtlich infizieren! Man sollte das weiterhin so gut es geht vermeiden, auch wegen des Risikos von Long Covid. Leider ist eine Infektion langfristig aber unausweichlich. Und nach und nach bildet sich tatsächlich ein schleimhautspezifischer Schutz, von dem ich annehme, dass er die Bevölkerungsimmunität insgesamt belastbarer macht. Auf der anderen Seite, das sehen wir ja gerade, entwickelt sich auch das Virus weiter und weicht der Immunantwort immer besser aus. Ich gehe davon aus, dass sich da irgendwann ein neues Gleichgewicht einpendelt: Die Bevölkerungsimmunität durch Impfungen und Infektionen wird irgendwann so stark sein, dass das Virus an Bedeutung verliert. Dann sind wir im endemischen Zustand.«
Spiegel+, Juni 2022, Blendle

„An Bedeutung verlieren“ ist gut Reden bei steigendem Risiko für Long Covid mit jeder Reinfektion, bei einer Immunschwächung durch Infektion auf mindestestens ein knappes Jahr und dergleichen mehr. Ich hab mich wirklich versucht in diese Rahmung hineinzudenken, aber solange das Virus zirkuliert, und das meint „endemisch“, wird es immer die ohnehin gesundheitlich Vorbelasteten am härtesten treffen – Drostens Endemie bedeutet darwinistisches Überleben der Stärksten.

»Das heißt, ein Schließen der verbleibenden Immunitätslücke in der Bevölkerung durch das Virus, während diese Lücken vor allem bei jüngeren Leuten bestehen und dadurch eine Letalität entsteht, die noch gerade gesellschaftlich tolerabel ist. […] Das Virus schließt jetzt die Immunitätslücken, in dem Leute, die nicht geimpft sind, aber auch Geimpfte, nachinfiziert werden. Jeweils aber eben nicht mit der Folge von 1.000 oder 2.000 Toten am Tag, sondern nur im Bereich von 150. Das ist natürlich schon ein wichtiger Unterschied, das ist immer noch mehr als man in einer schweren Influenza-Saison hätte. […] – Das heißt, das Virus wäre in Großbritannien dann endemisch? – Drosten: Richtig. Wir haben dann demnächst, sagen wir mal im Frühjahr oder im Sommer, den Eindruck, einige Länder haben es geschafft. Die sind jetzt durch. Die sind in der endemischen Phase. Die werden auch im nächsten Winter kein großes Problem mehr bekommen, denn das Virus wird dort den ganzen Sommer weiter zirkulieren. Die Leute kriegen irgendwann schon ihre dritte Infektion oder ihre zweite Durchbruchsinfektion, wenn man das so sehen will, auf dem Boden der Impfimmunität. Aber das wird alles nicht mehr sehr schwere Symptome machen. Ich muss da auch ein Sternchen an diese Aussage machen: Übrigens, das gilt nicht für alle. Diejenigen, die eine hohe Infektionsdosis abbekommen, die kriegen auch im Durchbruch manchmal noch neurologische Symptome, wie länger anhaltenden Geschmacksverlust und so weiter, sodass wir uns alle schützen müssen durch Maske tragen. Wir wollen alle keine hohe Infektionsdosis abbekommen. Aber insgesamt ist dann die Situation dennoch erreicht, ein endemischer Zustand. […] Das Szenario ist eben, dass einige Länder in Europa durch sind mit der Durchsuchung, wir aber nicht und andere auch nicht. Wir sind nicht das einzige Land, das schlecht dasteht. Und dass man dann mit einer nicht endemischen Bevölkerung auch wieder in den nächsten Sommer geht, dann beruhigt sich durch den saisonalen Effekt die Lage wieder.«

Die „manchmal“ neurologischen Symptome haben sich mittlerweile als waschechte Hirnschäden herausgestellt, die auch schon bei asymptomatischen Infektionen nachweisbar sind. Passt jetzt auch nicht zum Stand von 16% Long Covid nach Infektion. Von den Massen an krass erhöhten Risiken für Folgeerkrankungen erwähnt er hier auch nichts. Ansonsten ist Drosten bereit, „gesellschaftlich tolerable Lethalität“ im Bereich von 150 Toten pro Tag zu akzeptieren, damit ‚wir im nächsten Jahr mit der Durchseuchung durch sind und nicht (im Vergleich zu anderen Ländern) (wirtschaftlich?!) schlecht dastehen.‘

»In jedem Fall hoffe ich, dass man nicht wieder Schulen schließt. Das wäre eine verhältnismäßig leicht umsetzbare Maßnahme. Für die Politik ist das viel leichter, als zu sagen: Jetzt machen wir eine Homeoffice-Pflicht. Und die Folgen für Gastronomie und Handel, kurz vor Weihnachten, darüber möchte ich jetzt gar nicht nachdenken.«
Zeit.de, November 2021

In Herbst und Winter 2021/22 tobt das Virus an den Schulen, das mit der ständigen Lüftung wird nicht mehr so eng gesehen, Luftreiniger gibt es ohnehin praktisch nur für die Grundschulen, im Herbst 2021 bereits wurde im Irrsinn in einigen Bundesländern die Maskenpflicht im Unterricht abgeschafft. Die allgemein unterirdisch über das Virus informierten Schüloj (und wer will’s ihnen verdenken, die Kommunikation ist eine einzige Katastrophe) setzen ihre Masken von nun an nur noch im ÖPNV auf. Nun werden die Klassen durchinfiziert, Lehrojkollegien sind mitbetroffen, manche Schule muss schon aus Lehrojmangel für Wochen den Präsenzunterricht einstellen. Freilich hängen an diesen betroffenen Kindern und Jugendlichen auch Eltern, die sich dann häuslich mitinfizieren. Aber stattdessen im Voraus politisch zu sagen, ab einer gewissen Inzidenz beenden wir selbstverständlich sofort den Präsenzunterricht und schützen die Familien, das wäre laut Drosten halt irgendwie unfair, solange die Wirtschaft weiterlaufen darf. Drostens Äußerung ist ein Freibrief für die Kultusministerkonferenz, die Hände in den Schoß zu legen. Schulschließungen gelten dort als enorm unpopulär, schließlich ist die Schule auch eine Kinder-Verwahr-Anstalt, während die Eltern arbeiten. Um sich’s also nicht mit den Eltern jüngerer Kinder zu verscherzen – und 2021 stehen schließlich Bundestagswahlen an – schließen Politikoj schon früh in diesem Jahr erneute Schulschließungen quasi aus. Nur das allerletzte Mittel sei das. In diese etablierte Stimmung hinein gibt Drosten sein Zeit-Interview und den Kultusministoj damit seinen Segen für ihre gaslichternde, also bewusst täuschende, unverantwortliche Politik als größte Autoritätsperson Deutschlands in dieser Pandemie.

»Ich begebe mich zwar nur selten in riskante Situationen, aber ich bin auch nicht übermäßig vorsichtig. Ich gehe wieder auf Dienstreisen und ins Restaurant, und wenn ich in einer größeren Gruppe stehe, in der keiner eine Maske trägt, dann ziehe ich auch keine an. Ich will ja nicht Dr. Strange sein. Aber ich versuche immer, Rücksicht zu nehmen: Wenn in einer Bäckerei zum Beispiel eine Kundin eine Maske trägt, dann setze ich auch eine auf, sie könnte ja Risikopatientin sein.«
Auch Spiegel+, Juni 2022, Blendle

Drosten stellt hier Masketragen als etwas Sonderbares, etwas uncool Nerdiges dar. Dieses Waschbecken muss man erst mal hereintragen.

Ja, ich trage im Moment fast keine Maske – weil die Infektionszahlen relativ niedrig sind, weil es nicht auferlegt ist und weil es gesellschaftlicher Konsens ist. Deshalb gehe ich momentan in beinahe jede soziale Situation ohne Maske rein.“
SZ+, September 2022, Blendle

~GeSeLlScHaFtLiChEr KoNsEnS~
7-Tage-Inzidenz von 230 damals, mit mindestens dreifacher Untererfassung, eben „relativ niedrig“. Im ganzen Interview nicht eine Erwähnung von Long Covid.

»Man verpasst eigentlich nichts, wenn man den Artikel nicht liest. Kein Wort zu Long-COVID oder sonstigen Langzeitschäden durch das Virus. Laut Drosten wird man einfach nur ein bisschen krank. Das einzige Problem wäre, dass zu viele Menschen gleichzeitig krank wären. […] Eigentlich gut, dass der Artikel hinter der Paywall ist.«
@kruemelkacka, September 2022

»Wenn man konstatieren kann, dass Sars-CoV-2 ein endemisches Virus ist, dann werden wir damit so umgehen wie mit anderen Erkrankungen. Für Influenza gibt es ja auch keine Isolationspflicht. So geht die Logik der Politik. Und eigentlich sind wir sowieso schon längst dabei, die Isolationspflicht aufzuweichen. Die fünf Tage, die im Moment vorgeschrieben sind, reichen in Wirklichkeit nicht aus, um Infektionen zu verhindern. Solche Kompromisse sind nur in einer Übergangsphase sinnvoll.«
Zeit.de, November 2022

Nochmal: Drosten ist Deutschlands Autoritätsperson Nr. 1 in dieser Pandemie und in einer Situation, in der er laut eine vernünftigere Pandemie-/Endemiepolitik fordern könnte, argumentiert er mit politischem Usus. So bekommt man den Eindruck, es läuft ihm alles schon ganz gut rein. Im Frühjahr 2020 hielt er es auch für unwahrscheinlich, dass sich Menschen Masken aufsetzen würden, weil das hier ja kulturell nicht gebräuchlich sei. Er hatte damals auch nicht empfohlen, sich Masken anzuschaffen (womöglich, damit nicht der Maskenmarkt für die Krankenhäuser leergefegt wird, das ist verbreitete Spekulation, aber auch wohlwollende Auslegung). Es brauchte erst zivilgesellschaftlichen Aktionismus, um überhaupt mal die Idee der Stoffmaske anzuschieben, obwohl epidemologisch die Maskenempfehlung schon seit der SARS-CoV-1-Epidemie glasklar gewesen ist. Die erhebliche Maskenskepsis der Verantwortlichen kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen (FAZ+, Blendle).

»Covid-19 vs. Influenza 2018 (dem schlimmen Grippejahr):
– 5-fach Sterberisiko
– 4-fach Einsatz Beatmungsgerät
– 2,4-fach Patienten auf Intensivstation
– 10-fach Sterblichkeit Jugendliche (11-17Jahre)
– 3-fach Einweisungsrate in Klinik
– Ø-Alter 68«
@consequ, Dezember 2020, zugegebenermaßen vor der Coronaimpfung, zitiert Daten aus Neue Erkenntnisse zu Covid-19 und Grippe im Vergleich

Dass viele eigentlich gute 10 Tage positiv testen ist nichts Neues, das war ein fauler politischer Öffnungskompromiss, um den Zusammenbruch der öffentlichen Infrastruktur zu verhindern. Drosten stellt die Logik der Politik vor die Evidenz der Medizin: Wenn die Krankenhäuser nicht mehr zyklisch mit den schweren Verläufen überlastet sind und das Virus schlicht per definitionem ‚heimisch‘ geworden ist (das ungefähr meint „endemischer Zustand“) kann also auch die Isolationspflicht weg, obwohl sich nichts am Charakter der sogenannten „milden“ Verläufe, ihrem Long-Covid-Risiko und ihrem verheerenden Risiko für unzählige Folgeerkrankungen geändert hat. Bestechende Logik.

»Conclusions: After a full vaccination course, breakthrough mild-to-moderate Delta and Omicron infections have limited immunogenicity. Prior infections exert reduced protection against later reinfection or infection from novel variants. However, this protection may be sufficient to prevent hospitalization and death, particularly in countries where vaccine supplies are limited.«
SARS-CoV-2 Antibody Response against Mild-to-Moderate Breakthrough COVID-19 in Home Isolation Setting in Thailand, Juli 2022

Ferddich ist die Endemie! Reicht ja völlig, dass die Bevölkerung nicht mehr unmittelbar dran verreckt! 🤪

»Drosten erweist sich wieder einmal als willfähriger Handlanger konservativer Regierungskreise und tritt die Infektionsschutzanliegen Vorerkrankter, Pflegebedürftiger und Familien mit schulpflichtigen Kindern genauso wie seine Kollegen, Streeck, Stöhr & Chanasit mit Füßen!«
@NrWinzidenz, Dezember 2022

Nochmal aus dem Zeit-Interview:
»Die Risiken werden immer kleiner. Wenn ein neues Virus erstmals auf eine ungeschützte Erwachsenenbevölkerung trifft, kommt es zu unvorhersehbaren Immunreaktionen, wie wir sie bei Long Covid sehen. Bei endemischen Viren infiziert man sich erstmals in der Kindheit, da ist die Immunreaktion anders. Bald gilt das auch für Sars-CoV-2. Daten aus Katar zeigen, dass eine überstandene Infektion vor einer Neuinfektion mit dem gleichen Serotyp fast eineinhalb Jahre lang schützt und bei einem anderen Serotyp wenigstens sechs oder sieben Monate lang.«

Die Qatar-Studie:
»Effectiveness of pre-Omicron primary infection against pre-Omicron reinfection was 85.5% [95% confidence interval (CI): 84.8–86.2%]. Effectiveness peaked at 90.5% (95% CI: 88.4–92.3%) in the 7th month after the primary infection, but waned to ~ 70% by the 16th month. Extrapolating this waning trend using a Gompertz curve suggested an effectiveness of 50% in the 22nd month and < 10% by the 32nd month.«
Oxford Academic, September 2022

Okay, also erstens bezieht sich das noch auf Delta und Drosten sagt woanders selbst, dass die Omikron-Linien sich weniger stark in der Lunge vermehren und darum eine verminderte Schleimhautimmunität entsteht, was raschere Reinfektionen ermöglicht. Selbst wenn dem nicht so sei: Nach meinem Studien-Stand wird Long Covid mit jeder weiteren Infektion wahrscheinlicher, schließlich wird das Endothel geschädigt (siehe Spiegel und @BergheimJeff). Alleine das Long-Covid-Risiko pro Infektion entspricht jedes Mal erneut dem Würfeln mit einem (mMn höchstens) sechsseitigen Würfel. Die Hirnschäden dürften sich mit den Infektionen auch akkumulieren. Hinzu kommen die deutlich gesteigerten Risiken für eine Vielzahl Folgeerkrankungen, aber für Drosten werden die Risiken „immer kleiner“. Und was die Immunreaktion im Kindesalter anbelangt: Die seit Omikron nochmals gestiegene Zahl der Kinder auf den Intensivstationen deutet da in eine andere Richtung (siehe LC-Kapitel).

Einschub: Eine neue Studie vom Januar 2023 (Lancet) spricht von 7 Monaten lang anhaltender 95%iger Schleimhautimmunität (M-IngA-Antikörper) gegenüber Reinfektionen mit dem gleichen Serotyp; wenn ich sie richtig lese, gilt das aber erst nach der zweiten Omikron-Infektion, nach der ersten sind es nur 58% Schutz für diese Dauer von 7 Monaten. Was die Studie aussagt, ist also dass der Schutz ein gutes halbes Jahr nach der zweiten überstandenen Infektion vor einer weiteren Reinfektion relativ gut anhält, danach aber eben keinesfalls dauerhaft bleibt, sondern wieder Reinfektionen ermöglicht. Also selbst in diesem ‚besten Fall‘ knapp zwei Infektionen im Jahr. Ich bin skeptisch gegenüber diesen Zahlen, weil sie der Beobachtung von anderen Studien widerspricht, die keine signifikante Schutzwirkung nach einer Infektion konstatiert haben, und man muss eigentlich nur einmal Schulkinder fragen, wie oft sich ihre Klassenkammeradoj denn in letzter Zeit so reinfiziert haben, um zu sehen, dass hier irgendwas nicht recht stimmen kann.
Wenn man den Zahlen glauben mag, kann man daraus auch den Schluss ziehen (Eric Topol), dass womöglich auch eine nasale Impfung für rund sieben Monate Schleimhautimmunität ermöglichen würde.
Einschub Ende.

Dann wurde am 26.12. dieses fatale Drosten-Interview veröffentlicht:
»Ja, wir erleben in diesem Winter die erste endemische Welle mit Sars-Cov-2, nach meiner Einschätzung ist damit die Pandemie vorbei. Das bedeutet, dass wir nach diesem Winter eine so breite und belastbare Bevölkerungsimmunität haben werden, dass im Sommer kaum noch Virus durchkommen kann. Es sei denn, es gibt eine böse Überraschung, einen weiteren Mutationssprung. Aber auch das erwarte ich im Moment nicht mehr.«
Tagesspiegel+, Dezember 2022, auch gekürzt & gratis beim Tagesspiegel

»Naja, das [Endemie] würde bedeuten, wir haben keine Wellen mehr, sondern einen gleichmäßig hohen Verlauf. Das sieht man ja auch an der Kurve. Gewöhnen wir uns also an 100 Coronatote + Übersterblichkeit + Langzeitschäden. Wir nennen das nur eben in Zukunft anders. Yipieeh!«
@BergheimJeff, Dezember 2022

»Gott sei Dank! Dann haben wir vielleicht bald endlich Zustände in Schweden, ohne Corona-Tote und mit solider Superimmunität. Und auch RSV, Influenza und Noro gibts da ja im Grunde gar nicht!«
@PSHolstein, Dezember 2022

»Pandemie bedeutet „weltweite Ausbreitung“. Es breitet sich also eine Krankheit nicht nur regional, sondern über Länder und Kontinente hinweg aus, Dann sprechen Experten von einer Pandemie. Eine Endemie hingegen ist eine ständige Bedrohung. Eine Krankheit, die in bestimmten Regionen regelmäßig auftritt. Bei einer Endemie bleibt die Zahl der Erkrankungen über die Zeit relativ konstant. Viele Virologen gehen seit Längerem davon aus, dass das Virus endemisch wird, gerade seit Omikron. Das bedeutet allerdings nur, dass das Virus gekommen ist um zu bleiben. Die Aussage von Drosten ist also keine gute Nachricht, sondern vielmehr eine schlechte.«
Die Mittelländische Zeitung, Dezember 2022

Recht gute Einordnung von Drostens Aussage und Erläuterungen zu Endemien:
Aussage von Christian Drosten über Sars-Cov-2: Die gute Nachricht und das große Aber
(Spiegel+, Dezember 2022, kein Blendle)

Sagt Drosten hier also, dass wir keine Schutzmaßnahmen mehr benötigen? Nein. Sagt Drosten, dass die Pandemie seiner Meinung nach beendet sei? Schon. Ich zitiere noch einmal wörtlich: „wir erleben in diesem Winter die erste endemische Welle mit Sars-Cov-2, nach meiner Einschätzung ist damit die Pandemie vorbei.“ Da nützt keine Beschönigung für die Drosten-Fans.

Dass überhaupt nur die WHO die Pandemie für beendet erklären kann, geschenkt. Interessanter in Drostens Interview ist, was er dort eben nicht sagt. Es fällt wieder nicht ein einziges Mal Long Covid, Hirnschäden, oder Schäden an den Gefäßen, das drastisch erhöhte Risiko für Nacherkrankungen wie Infarkte, oder überhaupt etwas aus der Ecke (rühmliche Ausnahme: Ausführung zu Studien zu Schäden am Immunsystem von ungeimpften Kindern; Drosten rahmt das aber so, als gelte dieses Problem nur für die Ungeimpften). Ist das ein gemeiner Vorwurf, muss der Christian das alles nicht erwähnen, weil er doch nur Virologe ist? Und das Virus, das im Sommer ‚kaum mehr durchkommt‘, muss man ihn da sehr wohlwollend so auslegen, dass er damit nur das Durchkommen mit Resultat schwerer Krankenhausfälle meine?

Die öffentliche Reaktion auf sein Interview verläuft wie zu erwarten: Marco Buschmann (der unfähige Justizminister der FDP, für die, die ihn vergessen haben) fordert populistisch an seine egomanische Gang: »Als politische Konsequenz sollten wir die letzten Corona-Schutzmaßnahmen beenden.« Ja, das fordert er wirklich.

Die gesamte Breite der Presse titelte klickgeil „Drosten: Pandemie ist vorbei“, Überschriften wurden erst im Nachhinein nuancierter formuliert, teilweise ergänzende Absätze eingefügt, Einordnungsstücke nachgeschoben, aber da waren die Ticker schon über die Bildschirme gelaufen und das Unheil angerichtet. Ich muss auch Tagesthemen und Heute-Journal extrem enttäuschendes redaktionelles Versagen vorwerfen:

In den Tagesthemen vom 27.12.2022 rahmt Ingo Zamperoni Maskenpflicht im Fernverkehr in der Eröffnung als unzeitgemäß, dann kommen Stimmen von Bahnhofsreisenden, die sich 2:1 für die Abschaffung aussprechen. Gefolgt wird das von Buschmanns unverantwortlicher Forderung zur Abschaffung aller Maßnahmen, als wäre das eine folgerichtige Konsequenz. Verhalten kontrastieren darf das ein Immunologe, dann labert Kevin Kühnert was von Eigenverantwortung ab April und Janosch Dahmen (Grüne) in der für ihn typischen Art angedeuteter-Umsichtigkeit-aber-dann-doch-nicht-ganz-wirklich was von lieber einem „geordneten Rückzug hin zu einer besseren Situation nach der Pandemie“.

Im Heute-Journal redet Wulf Schmiese sehr penetrant auf den vorsichtigen Lauterbach ein. In den Segmenten beider Sendungen wird von den Redaktionen keine Einordnung über die wahre Gefährlichkeit des Virus gegeben, sondern die Rahmung „endemisch = wir sind gerettet“ gesetzt.

Das ist ein journalistisches Armutszeugnis und unwürdig für den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk. Gerade ihr solltet nicht die populistischen Klickfangmedien sein! Unpopuläre Wahrheiten aussprechen, die verantwortlichen Akteure zur Rede stellen. Hinter beiden Nachrichtenformaten steckt ein riesiger Apparat voller schlauer und top informierter Journalistoj, wie kann da bloß so ein Vorschubleisten der Corona-Verharmlosung bei rauskommen?

»Hier eine kurze Zusammenfassung der derzeitigen Corona-Debatte anhand des allseits beliebten Feuer(wehr)vergleichs:
Drosten: Das Feuer im Haus ist unter Kontrolle.
Medien: Drosten sagt: Feuer ist gelöscht.
„Experten“: Wir haben vor Monaten gesagt, dass es nicht mehr brennt.
Buschmann: Wasser abstellen!
Lauterbach: Wenn wir Wasser abstellen, könnte das Feuer sich wieder ausbreiten.
Krankenhäuser: Das Haus war schon vor dem Feuer marode, das Feuer nun laufen zu lassen, ist fahrlässig.
„Freiheitskämpfer“: Solange es nicht bei mir brennt… Freiheit!«
@SociofugalSpace, Dezember 2022

Die Kommentare unter dem Tweet sind ebenso gut: »Unsere Häuser brauchen Feuer als Training! 🤓«, »Ist das Haus durch oder mit Feuer abgebrannt?«, etc.

Drosten stellt immer wieder das freie Laufenlassen der Infektion in einer grundimmunisierten Bevölkerung als natürliches Ziel dar. Ja, da landen dann jetzt nicht mehr so viele Menschen für die Intubation in den Krankenhäusern, die per Definition starken Verläufe gehen zurück. Aber die ganze „Milde“, die sich im Spektrum darunter abspielt, bleibt erhalten. Die wirklich stark gefährdeten Menschen mit Immunschwäche und Grunderkrankungen (und auch einfach Alter!) werden bei einer von Schutzmaßnahmen entfesselten Endemie sozialdarwinistisch (oder soll man sagen: eugenisch?) in den Vulkan geworfen. Die Rente ist gerettet! Wirklich – für jene, die überleben: Höhere Sterblichkeit verhilft Rentenversicherung zu Milliardenüberschuss (Manager Magazin, Dezember 2022)

Experte der WHO erklärt im März 2022, was „endemisch“ bedeutet und was nicht:
»But remember: Endemic HIV and endemic tuberculosis and endemic malaria kill millions of people on this planet every year. So, please don’t equate endemic with equals good. Endemic diseases require strong control programs to reduce the infections, the suffering and the death. So, just changing from pandemic to endemic is just changing the label.«
@WHO, März 2022

Ich glaube, Drosten will genau so verstanden werden, wie er jetzt von der schlecht informierten Öffentlichkeit wird: Hurra, Corona ist offiziell vorbei!!! Er hatte einen langen und öffentlich reflektierten Lernprozess, wie Medien funktionieren, wie seine Aussagen in der Öffentlichkeit verkürzt und verfälscht dargestellt werden. Jetzt die Endemie auszurufen – und dabei nicht nochmals zu erklären, was das alles NICHT bedeutet und weiter kein Wort über Long Covid von ihm – ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Gesamtformulierung ein Versehen gewesen ist. Oder der Tagesspiegel Passagen gestrichen hätte, nicht bei Drosten, wo buchstäblich jedes Wort wissbegierig von der Öffentlichkeit aufgesogen und diskutiert wird.

Im Coronavirus-Update-Podcast vom 12.01.2023 relativiert er das dann mal wieder in seiner mittlerweile routinierten Art nach Wochen der Funkstille:

»Und das ist meine Erwartung, dass wir demnächst, in ein paar Monaten sagen werden: Im Nachhinein betrachtet war das die erste endemische Welle dieses Virus. Und damit ist die Pandemie vorbei.«

Über Maskenpflicht in Zügen sagt er:
»Das ist eben die Rücksichtsüberlegung, die man dabei hat. Das ist doch etwas sehr Schönes, gesellschaftlich Adhärentes, Kooperatives, was man sich vielleicht auch klarmachen sollte, statt sich darüber aufzuregen, dass man nur noch im Zug eine Maske tragen muss. Es gibt eben auch Leute, die sich nicht infizieren wollen, können, sollen. Und auf die nimmt man da einfach mal Rücksicht. Und warum soll man das denn nicht tun? Warum soll man sich denn immer nur aufregen?«

Und sehr diplomatisch über die Rufe nach totalem Maßnahmenschliff:
»Also wenn man jetzt gleich alle Maßnahmen komplett fallen lässt, dann hat man natürlich auch einen gewissen Übungseffekt und einen gewissen Bereitschaftseffekt in der Bevölkerung damit aufgegeben. Und das ist vielleicht jetzt im Moment, in dieser jetzigen Winterzeit, noch mal ein bisschen risikoreich.«
Sag bloß!

Über Long Covid verbreitet er dann allerdings wieder das Märchen von dem fallenden Risiko durch durchgemachte Infektionen:
»Insbesondere nimmt es in der Häufigkeit ab, dass es also überhaupt dazu kommt, auch wieder mit der zunehmenden Infektionserfahrung in der Bevölkerung. Und da kann man sich schon drauf berufen, darauf verlassen, dass Long Covid – so ungünstig das für die Betroffenen jetzt ist – dass die Zahl der Betroffenen pro Zeit in der Zukunft weniger werden wird.«

Faktencheck:
Reinfection will be part of the pandemic for months to come. Each repeat illness raises the risk of long COVID (The Conversation, Juli 2022)
• »Jede zusätzliche Runde COVID erhöht das Long-COVID-Risiko. Der im Sommer Infizierte kann im Herbst erneut dabei sein. Eine Sommerinfektion hat dann nur geschadet und nicht geschützt. « –@Karl_Lauterbach, Juni 2022

Eine weiterführende Drosten-Diskussion mit interessanten Psychogrammansätzen auf Mastodon:
»Drosten fehlt es gehörig an Empathie. Er betrachtet SARS-CoV-2 rein wissenschaftlich kühl. Es gibt aber wohl noch eine Menge Personen, die glauben, er sei mehr als nur der rational denkende Wissenschaftler. Ich gewinne immer mehr den Eindruck, dass er bis zu seiner 1. Infektion besorgt war (um sich selbst), aber, nachdem er sie gut überstanden hat, denkt, das Virus sei tatsächlich nur für Vulnerable ein Problem. Ist halt deren Pech und Problem. […] Drosten hat viel Schaden angerichtet. Ich sehe Menschen Ü70 in vollen Restaurants (durchs Fenster, ich boykottiere Innen-Gastro). Sie fühlen sich, wie auch die meisten jüngeren Menschen, sicher. Aber für einige von ihnen wird das schlecht ausgehen. Das ist sehr traurig. […] Drosten kommt immer Wochen später mit seinem: Ich wurde falsch verstanden. […] Da Drosten es nicht wie Isabella Eckerle handhabt, muss man wohl davon ausgehen, dass ihm recht gleichgültig ist, ob möglichst viele Menschen schadlos durch die Pandemie kommen oder nicht. Diesem Aspekt gilt offenbar nicht sein Interesse. Muss es ja auch nicht, dann fehlt ihm eben Empathie. Nur leider beeinflusst er mit seinen Auslassungen zu viele Menschen. Er sollte besser schweigen, wenn er keine bestimmte Agenda verfolgt.«
@ToveHarris@mastodon.social, @will_ins_Gruene@medibubble.org, u.a., Januar 2023

9 – Lauterbach ist Getriebener und versucht, alle Seiten zu bedienen

Gesundheitsminister Karl Lauterbach ist durch seine Nebentätigkeit der Wissenschaftskommunikation auf Twitter eine meiner Top-Quellen bei der Corona-Informationslage. Der Mann verbringt weiterhin täglich Stunden mit dem eigenständigen Lesen von aktuellen Studien und ich traue seinen Einschätzungen. Sein Problem ist, dieses Wissen, „auf die Straße“ zu bringen, wie die SZ+ einen Vertrauten zitiert (Blendle), seine Beschlüsse als Gesundheitsminister sind nämlich oft schwer enttäuschend. Lauterbach ist durch die Koalitionskonstellation mit der FDP in der schizophrenen Lage, nach wie vor seine ihm noch treue Gefolgschaft mit sauberen evidenzbasierenden Meldungen bedienen zu wollen, während er von seinem Intimfeind Marco Buschmann auf stetigen Öffnungskurs eingepeitscht wird. Das Resultat sind bizarre Doppelbotschaften, in denen er einerseits die Öffnugsschritte als einen für die Ampel tollen Fortschritt verkaufen muss, andererseits aber an die Vernünftigen eindringlich appeliert. Zwar ist die FDP die kleinste Koalitionspartei, aber mit ihr steht und fällt alles und Früchte aus diesem Erpressungspotential der Egomanenpartei sind nicht nur die Blockade von Tempo 100 auf Autobahnen, sondern auch ein libertäres, unsolidarisches und faktenverzerrendes Verhältnis zur Infektiologie.

„Es ist richtig, dass wir jetzt in einen endemischen Zustand übergehen. Das heißt, die Wellen, die jetzt kommen, die erfassen nicht mehr die gesamte Bevölkerung, sondern nur noch die Teile der Bevölkerung, die nicht ausreichend geimpft sind, oder Menschen, die Vorschäden haben. Somit ist also eine große Welle, die die gesamte Bevölkerung noch einmal erfassen würde, im Moment nicht zu erwarten, weil die neuen Varianten, die gekommen sind, die sind nicht so ansteckend und auch nicht so gefährlich wie es vor einigen Monaten im Labor noch aussah. Somit: Die Situation entschärft sich etwas.“
Lauterbach am 27.12.2022 im Heute-Journal
@NurderK, Dezemzer 2022: Videoschnipsel und Diskussion

Wenn man Lauterbach ausgesprochen wohlwollend interpretieren möchte, dann meint er hier mit „Wellen” nur die schweren Verläufe mit Krankenhausaufenthalt. So formuliert er es aber nun mal nicht und ich bin mir sicher, dass er es so formulieren würde, wenn er es denn so meinen würde. Aber hier wollte Lauterbach offenbar auf Öffnung blinken. So funktionierten strategische Kurswechsel in der Politik. Berlin direkt zitiert dieses Beispiel am 08.01.2023 mit den Worten: „Karl Lauterbach macht immer wieder Fehler. Er wiederholt zu Beispiel sachlich Falsches zum Ende der Pandemie.“ Im selben Interview, das gehört zur Wahrheit dazu, geht mit ihm später wohl einfach der Arzt durch und er erläutert, dass das Virus gefährlich bleibt und Gefäßerkrankungen verursacht, schwingt sich dann zum Ende aber doch nochmal aus der klaren Vorsichtsmahnung wieder heraus: „[zum Schutz unnötiger Infektionen] brauchen wir aber nicht mehr die Einschränkungen, die wir immer gehabt haben.“, ausführlicheres Zitat der Stelle weiter oben im Dossier.

»Schwere Schäden an den Organen inklusive Gehirn als Folge einer SARSCoV2-Infektion? Am Immunsystem? Erhöhtes Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall? Hätte man ja auch mal erwähnen können.« – Plus die rund 16%ige Wahrscheinlichkeit bei jeder Infektion auf Long Covid.
@NFMai, Dezember 2022

»„…sondern NUR noch Menschen, die Vorschäden haben“ – wie viele sind das, und wie viele VORSCHÄDEN haben Hochbetagte, die Dekaden dieses Sozialsystem finanziert haben und sich jetzt in einer „Nur noch“-Definition wiederfinden dürfen/müssen?«
@Frauimspiegel, Dezember 2022

»Wie war das mit „Risikogruppen schützen“? Jetzt ist es „Ach, die sind dann jetzt ja auch Wurst“.«
@brainnipper, Dezember 2022

»Weiß man, welches FDP-Mitglied mit einer Karl-Lauterbach-Maske durch die Gegend tingelt und solche Entscheidungen verkündet? Und wie machen die das mit der Stimme?« (mittlerweile gelöschter Tweet)

Lauterbachs Coronastrategie: Deutschlands gefährlichste Mutante
»Von Lauterbach als Minister wird erwartet, dass er auf Basis seiner Expertise Entscheidungen trifft – und sich durchsetzt, spätestens wenn es wirklich wichtig ist. Das tut er aber nicht. All das Warnen und Mahnen und Bitten auf Twitter, sich als Infizierter doch freiwillig in Isolation zu begeben, Maske zu tragen und sich impfen zu lassen, alles verhallt, wenn politische Entscheidungen genau die gegenteilige Botschaft transportieren. Während es bei fachfremden Politiken leichtfällt, verquere Entscheidungen auf Unwissen zu schieben, bleibt bei Lauterbach hängen: Nicht mal mehr der ewige Mahner und Fachmann hält Masketragen und Isolation noch für wichtig genug, um dafür gesetzliche Regelungen aufrechtzuerhalten. […] Nicht jedes Detail muss in einer Demokratie gesetzlich geregelt werden. Gesetze sind aber sehr wohl dafür da, grundlegende Regeln für eine funktionierende Gesellschaft festzulegen – und sie bieten eine Orientierung bei der Frage, was richtig ist im Miteinander und was falsch. Diese wichtige Funktion geht insbesondere und ausgerechnet aufgrund der Politik des wohl fachkundigsten Gesundheitsministers der vergangenen Jahre in der Pandemie mehr und mehr verloren.«
(Spiegel.de, April 2022)
Kontext war sein verfrühtes Beenden der Isolationspflicht im April 2022, was er dann widerrief, aber der Text wird in Anbetracht Lauterbachs weiteren Entscheidungen nicht grundsätzlich falsch.

»Man weiß ja nicht, was hinter den Kulissen abgeht und wie viel Zwängen er so unterliegt, aber er schenkt schon ziemlich leichtfertig ab. Ich glaube aber nicht, dass es nur an der FDP liegt, Scholz passt das alles schon ganz gut, denke ich.«
@nebucadnecar, April 2022

Ich glaube, diese Einschätzung trifft es ziemlich gut. Die FDP ist der energische Treiber des Maßnahmenrückbaus, aber Scholz und seine SPD nehmen den irrationalen Druck der immer unvorsichtigeren Bevölkerung wahr; wie oben zitiert, nimmt man auch die Infektion im Politikbetrieb längst selbst nicht mehr ernst. Aus den Reihen der Grünen hört man manchmal flauschig etwaige Vorsichtsmahnungen ohne Konsequenz. Es gibt keine öffentlichen Widerworte, die Koalition steht geschlossen hinter den Beschlüssen. Sie können sich alle bequem mal mehr, mal weniger indirekt auf das Drängen der FDP berufen – Sachzwänge, Kompromisse, es war ein hartes Ringen – aber letztlich ist ihnen der Lauf der Dinge nicht unwillkommen. Politik braucht Stimmen, und wenn du deine Bevölkerung durch deine unterirdisch schlechte Kommunikation nicht aufklärst, wird sie nicht verstehen, wieso in ihrem Sinne weiterhin Schutzmaßnahmen angezeigt wären.

»„The pandemic is not over.” auf Twitter schreiben, heißt für mich, dass Sie demnächst in Ihrer Funktion als Gesundheitsminister selbige für beendet erklären werden… Machen Sie es doch bitte umgekehrt. Mist auf Twitter schreiben und was Gscheits im Amt auf die Reihe bringen.«
@PapaB3ll3, Dezember 2022

10 – „Corona/Die Pandemie ist vorbei“

Wir haben in Deutschland wahrscheinlich den weltbesten Journalismus (sehr pluralistisch, nicht per se parteinah, wirtschaftskräftig durch großes Sprachgebiet + großzügig finanzierte Öffentlich-Rechtliche) und nicht mal hier bekommen es die Medien hin, die Corona-Gefahr angemessen in die breite Bevölkerung zu kommunizieren. Das macht konsterniert. Und noch mehr, wenn man überlegt, wie verheerend die Kommunikation dann erst in anderen Ländern sein muss.

„It’s over“, eindrückliches Warnvideo vor der Verharmlosung.

Von den selben Machoj: „Don’t breathe it in“, ein Einminüter, dessen Visualisierung der Aerosole in Räumen bestechend verständlich ist.

Das Asch-Experiment: So manipuliert uns die Gruppe
Quarks-Sozialexperiment dazu, wie die Gruppenmehrheit das eigene Handeln beeinflusst, Stichwort Masken im Supermarkt.

Eine klasse psychologische Erklärung von Felicitas Bergmann:
»„Corona ist vorbei“ & „Sie können die Maske ruhig abnehmen“, das hören Befürworter von Schutzmaßnahmen immer wieder. Warum handelt die Mehrheit der Menschen angesichts explodierender Infektionszahlen so irrational? Ein Thread.«
Auszüge: »Bewegen wir uns in Gruppen, kommt es oft zur sogenannten Verantwortungsdiffusion: Bewusst oder unbewusst hoffen wir darauf, dass jemand anderes schon die Verantwortung übernimmt. […] Wir haben es hier mit sog. Attributionsfehlern zu tun: Persönlichen Faktoren (z. B. Gruppenzugehörigkeit) wird eine stärkere Bedeutung beigemessen als Umgebungsfaktoren. Kennt man vom Fußball: Gewinnt die Mannschaft, liegt es am Stürmer, verliert sie, ist der Trainer schuld. […] Wie man diesen Sozialdarwinismus vor sich rechtfertigt? Hier konstruiert unser Gehirn eine Art Wirklichkeitssimulation: Wir urteilen auf Grundlage dessen, was wir für wahr halten (wollen) und sprechen Alten und Vulnerablen ab, dass sie genauso wenig sterben wollen wie Junge. Wir lassen uns ungern unsere Überzeugungen nehmen. Entspricht eine neue Information nicht dem, was wir bis dahin angenommen haben, blenden wir sie gerne aus. Und betreiben Cherrypicking: Wir konzentrieren uns auf die Infos, die uns bestätigen. […] Dann kommt noch die Sache mit der Freiheit hinzu: Fühlt der Mensch sich darin eingeschränkt, kann er dazu neigen, etwas erst recht zu machen. Reaktanz, kennen wir von Kleinkindern. Die Regierung verordnet einen „Maulkorb“? Ab unters Kinn oder zumindest die Nase damit! Und es geht noch bockiger: Maßnahmenverweigerer können sich sogar von Maskenträgern geärgert fühlen („hostile attribution bias“), weil sie ihnen ihre Unvernunft sprichwörtlich unter die freiliegende Nase reiben. Wir erinnern uns: „Sie können die Maske ruhig abnehmen…“ Wir fühlen uns ungern bedroht und blenden Gefahren aus. Corona ist vorbei und man besucht mit 20.000 anderen ein Konzert – alle gesund und munter. Klar, die ganzen Toten und Long-Covid-Erkrankten werden dort nicht auftauchen (Stichprobenverzerrung/Überlebenden-Verzerrung). Dabei greifen wir mit verzerrtem Optimismus auf die Informationen zurück, die gerade für uns verfügbar sind. Der Optimismus-Bias lässt uns dabei annehmen, dass positive Ereignisse und selbst wahrscheinlicher ereilen als negative. Auch die Verfügbarkeit spielt uns dabei einen Streich: Die Millionen Toten kennen wir (mit Glück) nicht persönlich, aber wir waren einmal erkrankt und es war mild. Fälschlicherweise schließen wir daraus, dass Covid19 (für uns) nicht so gefährlich sein kann. […]«
@FBergmann_VT, Oktober 2022, Unroll

Kulturwissenschaftler Enno Park:
»Es ist mir auch weiterhin vollkommen unverständlich, wie Menschen ins Fußballstadion, auf Konzerte, zur re:publica oder demnächst zur Fusion gehen können. Selbst wenn es für euch (wahrscheinlich) glimpflich abläuft, infiziert ihr andere, für die es gefährlich werden kann. Gleichzeitig steigt der Druck für Risikopatient*innen, sich in riskante Umgebungen zu begeben. Kaum noch Verständnis, dass man nicht in Präsenz an irgendwas teilnehmen kann. Kaum noch Online-/Hybrid-Veranstaltungen. Wer sich nicht in die Infektion fügt, wird verdrängt. Jetzt fallen Bahnfahrten durch Bayern weg. Weitere Bundesländer werden folgen. Demnächst dann mit dem Taxi zum Arzt, weil selber Maske tragen in den Öffis unter haufenweise Distanzlosen nur bedingt was bringt. Die Propaganda von Querdenkern und FDP hat ganze Arbeit geleistet. Institutionalisierter Sozialdarwinismus bei der Arbeit. Drostens verkürzt rezipierte Aussage, sich jetzt halt auf Impfung zu infizieren, hat da auch nicht gerade geholfen. Nur die harten kommen in den Garten. Und so viele Leute, die durchaus Masken tragen würden, es dann aber oft nicht tun, weil sie sich unter lauter Maskenlosen dumm vorkommen und viele abweichendes Verhalten in größeren Gruppen halt nur schwer aushalten. Reste sogenannter „Eigenverantwortung“ einfach weg genudget. Alle sagen, man könne der Infektion sowieso nicht aus dem Weg gehen. Für die Aussage „Ich hätte es lieber nicht“ gibt es kaum gesellschaftliche Akzeptanz. Allerhöchstens wenn du Menschen deinen Gesundheitszustand auseinander setzt, die es beim besten Willen nichts angeht. Aber es gibt doch Behandlungsmöglichkeiten? Ja, wirklich? Du hast ernsthaft Paxlovid in deinem aktiven Wortschatz und weißt eine*n Ärzt*in, die dir das kurzfristig verschreibt, und zwar ohne den „Kommen Sie mit einem positiven Test auf keinen Fall in die Praxis“-Stress? Und wenn du dann in der Long-Covid-Lotterie ein Chronic-Fatigue-Syndrom gewinnst, stell dich schon mal drauf ein, dass 1/3 der Ärzt*innen behauptet, dass es das nicht gibt und ein weiteres Drittel sagt, das sei psychosomatisch. Das letzte Drittel wird dich in eine aktivierende Reha-Schicken, die nicht hilft und deinen Gesundheitszustand verschlechtert, weil nur ein verschwindend geringer Anteil von Mediziner*inne (ja auch Fachärzte) CFS und Konzepte wie Pacing richtig einschätzen können.[…] Geht der Infektion aus dem Weg, bis alle Ärzt*innen wissen, wie sie Covid-Patient*innen behandeln und es Spray-Impfstoffe für die Schleimhautimmunität gibt. Das ist ein überschaubarer Zeitraum, bis SARS-CoV2 irgendwann endemisch wird. Wenn ihr der Infektion nicht aus dem Weg gehen könnt, senkt die Viruslast, mit der ihr infiziert werdet. Je geringer die Viruslast, desto unwahrscheinlicher dass ihr krank werdet und andere infiziert. Wie senkt man die Viruslast: Abstand halten, Masken tragen, Orte mit mutmaßlich hoher Viruslast (also Menschenmassen und Präsenzveranstaltungen vor allem in geschlossenen Räumen) meiden. Wie gesagt, es ist ein überschaubarer Zeitraum und nicht „für immer“. Mir ist klar, dass ihr das nicht einhalten könnt, wenn ihr zur Arbeit müsst und eure Kinder in die Schule. Politik und Gesellschaft lassen euch gerade dabei alleine, euch zu schützen. Solltet ihr ernsthaft erkranken, werden Politik und Gesellschaft euch erst recht alleine lassen. Das „Vulnerable Schützen“-Gelaber der Poltiker*innen hat auch so viel Schaden angerichtet. Niemand kennt „Vulnerable“. Niemand weiß, wer das ist. Einen selbst betrifft das nicht. Man selber ist ja nie „vulnerabel“ und in Pflegeheimen ist ja Maskenpflicht. Man sieht den Menschen nicht an, ob sie chronische Krankheiten oder aus anderen Gründen ein gesteigertes Risiko haben. Im Zweifel ist es die Person, die gerade als einzige im Raum eine Maske trägt und nicht ohne weiteres gehen kann. Wenn jemand in deiner Gegenwart eine Maske trägt, dann nicht weil die Person Masken so hübsch und geil findet, sondern weil die Person Gründe hat, eine Infektion zu vermeiden. Die Reaktion auf eine Maske sollte immer sein, sich auch selber eine aufzusetzen. […] Und noch so ein Treppenwitz: Natürlich stimmen die [Inzidenz-]Zahlen nicht, weshalb viele sich weigern, auf ihrer Basis Konsequenzen zu ziehen. Dabei deuten alle Gründe, warum die Zahlen verzerrt sind, darauf hin, dass sie viel zu niedrig sind. Ach ja, und dann sagen sie, die Infektionen sind ja soooo harmlos, die schlagen sich ja gar nicht in Hospitalisierung und Todesfällen nieder. Außer dass sie das zeitversetzt doch tun. Und es keine Zahlen für Erkrankte ohne Hospitalisierung aber z.B. mit Long Covid gibt. Es hieß immer, Inzidenz sagt nichts mehr aus, wir müssen freie Betten zählen. Es ist umgekehrt. Betten zählen sagt nichts mehr aus, wir müssen die Inzidenz überwachen, bis wir Long Covid im Griff haben. (Und damit nicht alle gleichzeitig krank werden, was der Wirtschaft schadet.) Derweil lügt „Bild“, dass der „Expertenrat“ sage, die Maßnahmen würden nichts bringen. Dabei versteigt sich nichtmal der „Expertenrat“ zu dieser Aussage und sieht Masken & Co. differenziert. Und sagt nebenbei ganz offen, dass er nicht wirklich evaluieren konnte. „Expertenrat“ hin oder her: Es ist schlicht nicht wahr, dass Masken nur helfen, wenn sie richtig getragen werden. Das ist ein Totschlagargument, dass dazu führen soll dass wir denken: Naja, wenn alle sie falsch tragen, können wir das auch gleich lassen. Auch eine schlecht sitzende Maske senkt das Infektionsrisiko für die Mitmenschen signifikant, wenn auch längst nicht so gut wie eine gut sitzende Maske. Dasselbe gilt für OP-Masken. Es geht bei Masken nicht nur um die individuelle Schutzwirkung sondern darum, wie stark das Infektionsgeschehen insgesamt durch Maskengebrauch runtergebremst wird. Es gibt zahlreiche Studien, die das für Masken eindeutig belegen. „Bild“, „Expertenrat“, FDP usw. appellieren gezielt an die individuelle Ebene. „Betrifft es mich“ statt „betrifft es alle“. Und dann werden all die Argumente gebracht, warum es „mich nicht betrifft“, weshalb Leute nicht finden, dass noch Maßnahmen nötig sind. Und weil Infektionen, Erkrankungen und Tod nicht zu leugnen sind, wird mit klassischem Othering eine Gruppe „Vulnerable“ konstruiert, auf die alles geschoben wird, die aber mit dir und deinem Alltag nichts zu tun hat. Und auch wenig mit realen Risikopatient*innen.«
@ennopark, Juli 2022, Unroll – ein verdammt langes Zitat und vormals leider nur auf Twitter lesbar. Ich finde: Dieser exzellente Text sollte nicht in der Versenkung verschwinden.

Lauterbach am 13.02.2022 bei Anne Will: „Wir müssen uns einfach mit der Wahrheit konfrontiert sehen: Die Welt ist durch das Coronavirus… die Welt ist etwas schlechter geworden. Weil, wir haben ein zusätzliches Virus, was nicht mehr weggehen wird, was ansteckender und gefährlicher als die Grippe ist. Das ist einfach jetzt immer bei uns. Und wir müssen gucken, dass wir die besonders verletzlichen Menschen schützen. Bevorzugt durch Impfung, traurig wär’s, wenn es durch Erkrankung wär. Aber das ist eine total wichtige Erkenntnis, dass es einfach nicht mehr so sein wird wie vor Corona – es wird nicht so sein, dass das jetzt nochmal durchläuft und dann sind wir wieder, wo wir waren. Sondern die Welt ist etwas schlechter geworden – weltweit übrigens, wir sind noch am besten geschützt – wir haben ein Virus, was ansteckender und gefährlicher als die Grippe ist und die Idee, dass das jetzt immer harmloser wird, demnächst eine Erkältungskrankheit, das ist eine ganz gefährliche Legende – das mag in 30-40 Jahren so sein, aber nicht für die nächsten 10 Jahre!
@NurderK, Februar 2022

Lauterbach im Heute-Journal am 27.12.2022:
„Corona wird gefährlich bleiben! Man kann das auch nicht mit der Grippe vergleichen: Die Grippe ist eine Atemwegserkrankung, die Coronaerkrankung befällt die Gefäße! Die werden also nach mehrfachem Coronabefall auch schlechter! Die Immunität kann schlechter werden. Somit: Es gibt ganz kategorische Unterschiede zwischen Coronainfektionen und Gefäßbeteiligung auf der einen Seite und der Grippe auf der anderen Seite. Wir müssen hier auch darauf achten, dass auch dauerhaft unnötige Infektionen vermieden werden, dafür brauchen wir aber nicht mehr die Einschränkungen, die wir immer gehabt haben.“
(Ähm, doch, schon irgendwie! Siehe Lauterbach-Kapitel.)

Evolutionsbiologe der Uni Oxford:
»The word ‘endemic’ has become one of the most misused of the pandemic. And many of the errant [fehlgeleiteten] assumptions made encourage a misplaced complacency [deplatzierte Selbstzufriedenheit]. It doesn’t mean that COVID-19 will come to a natural end. […] In other words, a disease can be endemic and both widespread and deadly. Malaria killed more than 600,000 people in 2020. Ten million fell ill with tuberculosis that same year and 1.5 million died. Endemic certainly does not mean that evolution has somehow tamed a pathogen so that life simply returns to ‘normal’. As an evolutionary virologist, it frustrates me when policymakers invoke the word endemic as an excuse to do little or nothing. […] There is a widespread, rosy misconception that viruses evolve over time to become more benign [harmlos]. This is not the case: there is no predestined evolutionary outcome for a virus to become more benign, especially ones, such as SARS-CoV-2, in which most transmission happens before the virus causes severe disease. […] Thinking that endemicity is both mild and inevitable is more than wrong, it is dangerous: it sets humanity up for many more years of disease, including unpredictable waves of outbreaks.«
Aris Katzourakis bei Nature, Januar 2022. Ist ein kurzer Text, empfehle die Lektüre. Deutsche Zusammenfassung.

Bioinformatiker über die grausame Wahrheit, was ein endemisches Covid-19 für die Menschheit bedeutet, Dezember 2022:
»Current public health messaging is claiming that COVID-19 has reached some version of endemic status and equating it with success. The advertising campaign implies that the end of the pandemic is near and we have reached an acceptable level of safety. This is far off the mark. […] [Einschub: »What is being marketed as endemic is simply the level of disease spread we are willing to accept.«] Thus, we were unable to eliminate the disease and it’s around to stay forever. The ultimate goal of any infectious disease control strategy is to eliminate the disease and reach disease-free equilibrium [~Beharrungszustand], where there is essentially no disease present in the population. Unfortunately, this is mathematically impossible for COVID-19, so endemic status is the best we can achieve. […] COVID-19 contains a nearly perfectly balanced combination of ingredients which cooperate to make it much more dangerous and difficult to control than other viruses. It’s highly contagious, airborne, and fueled by a significant proportion of infectious asymptomatic hosts. Due to this, we are most likely looking at a hyperendemic. [… ] Infections carry an enormous risk of massive chronic illness potential. It is becoming increasingly known throughout the scientific community that mild or asymptomatic infections may result in chronic life-threatening conditions. We are finally beginning to understand what COVID-19 recovery looks like and in a vast majority of cases, it’s life-altering and results in disability. […] Once we have officially reached an endemic equilibrium, then we will be in a post-pandemic world. In this new world, we will be facing decades of chronic illness and disability resulting from COVID-19 infections. […] However, due to inaccurate and inconsistent public health messaging, society is behaving like it’s reached disease-free equilibrium. The harsh reality is that we are still in the grasp of a global COVID-19 pandemic and the ending is going to be brutal.«
Dr. Jacob B. Aguilar auf ThePavlovicToday.com, Dezember 2022, was für ein verstörender Text.

»Covid’s not gone anywhere, in fact it’s gone everywhere. The people who were wrong at every point between February 2020 and October 2022 are also wrong in November 2022. Covid only affects the parts of your body serviced by capillaries, and parts of your body that are serviced by parts of your body that are serviced by capillaries. [Das ist Sarkasmus] […]
We can do something to avoid catching it: FFP2/N95+ masks work. Hepa filtration works. Isolation when sick works. Vaccines help. Health education works. […]
Covid can cause direct damage to your brain, the organ that houses your memories, your character, your personality, your cognitive ability, your emotions, your motor controls, and processes your senses. […]
The wealthy think they’re ok because they have access to treatments, so they’re fine letting this virus run and run. […]
Covid is not good for you in any way, at all, ever.
Mass sickness damages the economy more than mitigations.
Ignorance about Covid is commonplace. Denial about Covid is commonplace.
Heartlessness about Covid is commonplace. Allowing Covid to spread freely condemns vulnerable and old people to a life of constant danger, and, if they know about the danger, to constant terror or isolation. You can be vigilant and disciplined and compassionate without being terrified or anxious.«
@1goodtern, November 2022

Wutrede eines Arztes über das amerikanische Pandemiemanagement, effektiv austauschbar mit dem deutschen:
»The shamelessness with which „very serious people“ are out here, saying that the next COVID wave will be no big deal. As if they weren’t out here 4 weeks ago saying that COVID was over, and pushing for a return to normalcy. […] Their „fake it till you make“ climb to the top has directly contributed to policy blunders that have wasted tens of billions of dollars and 2 years worth of time that we could have been using to improve ventilation in offices, schools, restaurants, cinemas, clubs, and on, and on. […] I repeat: we can overcome this virus through: vaccines + masks + improving indoor air quality. But we must do all of it. It’s not a pick-your-own-adventure. It’s all of it.«
@DataDrivenMD, April 2022, momentan auf geschützt gestellter Account

Auch aus dem Thread. Er nimmt die politischen Narrative auseinander, die derzeit alle westlichen Staaten kommunizieren:
»So, as I’ve done at this juncture several times in the last 2 years, I’ll remind everyone that this virus is no fucking joke. It will flood your lungs and chew up your brain. Then, when you think you’ve recovered, it comes back to steal your energy and memories.«

»Immunocompromised, elderly, and higher risk people deserve a return to some sense of normalcy too. For higher risk people to have some sense of normalcy, we need to have COVID protections, not ignore the pandemic. For higher risk people to have some sense of normalcy, that means we need to be wearing masks. Masks aren’t lockdowns, they’re the opposite. They make it possible for everyone to access society when virus spread is high. For higher risk people to have some sense of normalcy, that means we need to clean indoor air. Ventilation, filtration, and UV [-Licht] open up the possibility for everyone to interact safely in social spaces where it is harder to mask because people eat or drink. For higher risk people to have some sense of normalcy, we need to develop better vaccines that reduce transmission. As long as COVID cases are high, society will not be truly accessible to everyone. We need to invest in developing better vaccines as quickly as possible. It is immoral to tell immunocompromised, elderly, and higher risk people to stay home indefinitely or force them to risk their health. We shouldn’t accept the status quo. We have solutions that can help everyone return to some normalcy: masks, indoor air cleaning, better vaccines.«
@luckytran, Januar 2023

Leben mit dem Coronavirus bedeutet, ein Leben in der Risikogruppe 3. Auszug zur Risikogruppe 3: »Biostoffe, die eine schwere Krankheit beim Menschen hervorrufen und eine ernste Gefahr für Beschäftigte darstellen können.« Aber diese Einstufung wird jetzt einfach durch die normative Kraft des Faktischen wegignoriert, oder wird versucht, wegzudefinieren, wegen der sogennanten endemischen ‚Milde‘. 🤡

Sportmediziner rät auch bei asymtomatischen Coronafällen von zu raschem Sport ab:
Sport nach Covid-19: „Der Worst Case: Der Sportler fällt tot um auf dem Spielfeld“
»Die Verläufe und Bedürfnisse sind sehr unterschiedlich. Bei einem Glückspilz, der völlig asymptomatisch ist oder der leichte Erkältungssymptome unter drei Tagen hatte, sagt man, drei Tage Ruhe, und dann in der Quarantäne leichte Workouts auf dem Ergometer. Aber nach der Quarantäne würde ich trotzdem noch mal zwei Wochen easy going machen, bevor ich voll einsteige. Wenn sich die Belastung gut anfühlt und man nicht kurzatmig wird, gehen in den Tagen danach leichte Trainingseinheiten. Ganz wichtig: zuerst die Häufigkeit der Einheiten steigern, danach die Dauer und erst zum Schluss die Intensität.«
Das schreibt er nicht nur für Profisportloj.

6 Wochen für Erholung einplanen: Long-Covid-Prophylaxe: Ruhe bitte!
»„Egal, wie schwer die Erkrankung ist, ich gebe Patienten eigentlich immer den Rat, bis sechs Wochen danach so viel Ruhe zu geben wie möglich.“ Diese Einschätzung würde auf seiner 30-jährigen Erfahrung beruhen, die ihm gezeigt habe, dass Entzündungen der Atemwege nicht zu unterschätzen seien: „Eine systemische Entzündung heilt nicht schnell ab.“«
Das ist anschlussfähig an diesen Vortrag der Medizinerin Kathryn Hoffmann der Uni Wien mit aktuellem Studienüberblick über das Vermeiden von Long Covid & Co (Januar 2023).

Wie ist das eigentlich im Schulsport? 🏃 Ich kann mir schlecht vorstellen, dass Sportlehroj ihre Schüloj mit überstandener Covid-Infektion wochenlang ohne Sonderattest vom Sport ausnehmen, bzw. nicht dazu zwingen, teilzunehmen. Und vermutlich hat sie die medizinische Dringlichkeit der Rehabilitationszeit auch noch nicht erreicht? Du Bürschle machst jetzt mit, sonst kriegste ne 6! 🤡

Die Gesellschaft für Tauch- und Überdruckmedizin empfiehlt, sogar bei asymptomatischen SARS-CoV2-Infektionen die Tauchtauglichkeit bis zur erneuten Prüfung vorerst erlöschen zu lassen.

»The reason you aren’t seeing many masks in conference and holiday party photos is because the people smart enough, responsible enough, and/or vulnerable enough to wear them can’t or won’t attend inequitable, unsafe events
@yonifreedhoff, Dezember 2022

»One thing that contributes to the invisiblization of the COVID pandemic, in addition to anti-mask peer pressure, is that cautious & vulnerable people stay home. Long Covid afflictees stay home. The dead stay in the ground. Right now, public sphere is a masterclass in Survivorship Bias.«
@mxpunky, August 2022

»I’ve repeatedly been declining work-related social invitations „out for drinks“. I follow science. My co-workers follow wishful thinking.«
@613BestHockey, Dezember 2022

Im April 2022 kam die Meldung, die Lauterbach wenig später bei Lanz vorerst widerrufen hat: »Isolation laut Gesundheitsminister Lauterbach ab Mai nur noch freiwillig«, dazu habe ich getrötet: »DESASTER, aber wartet, bis sie auch noch die Tests abschaffen. Das wird unter Garantie dazu führen, dass in der Öffentlichkeit das Virus als noch harmloser betrachtet wird. Und als belesener Infektionsgegner wirst du für einen Spinner mit Angststörung gehalten.«

Genauso ist es letztlich auch so gekommen.

»Das bedeutet also, der Chef sagt, ob du krank bist.«
@do3ss3lr, April 2022

Mit den aktuellen gelockerten Absonderungsgesetzen der Länder sollst du infiziert halt eine Maske tragen. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie Arbeitgeboj auf eine angemessene Rekonvaleszenzzeit pfeifen und mit überzeugender Bestimmtheit die Rückkehr an den Arbeitsplatz anordnen. Von den Folgen einer nicht sorgfältig auskurierten Coronainfektion einmal abgesehen: Eine perfekt getragene FFP2-Maske eines Infizierten schützt andere laut Datenlage zu ~95% vor Infektion, aber wer der Normalos trägt die schon wirklich perfekt und überhaupt sind OP-Masken die Regel.

Lauterbach rahmt seinen Beschluss im April so unbeholfen: »Die Isolation und Quarantäne werden von den Gesundheitsämtern kaum mehr kontrolliert. Die Arbeit ist fast nur bürokratische Dokumentation, hat kaum Einfluss auf die Fallzahlen. Daher reicht hier Eigenverantwortung. Was hilft, sind Masken und Impfungen.«

Wenn man versucht, diese Argumentation ernst zu nehmen:
»Schaffen wir dann auch Tempolimits ab, weil die eh nur stichprobenartig kontrolliert werden? Kann doch auch jeder eigenverantwortlich entscheiden, ob er vor ner Schule mit 30 oder mit 90 fährt. Ihr seid komplett bekloppt und verantwortungslos.«
@Trashtussi, April 2022

Einschub: Polittheater, dem es nicht um um Gesundheit geht
»Auch geil, wie jetzt die Landesgesundheitsminister, die zum Wegfall der Maskenpflicht noch die Regierung kritisierten, jetzt sauer sind, dass die Isolation dann wohl doch nicht nur freiwillig ist. Gerade bei Covid hat sich in den letzten zwei Jahren echt so herauskristallisiert, dass es keine festen Positionen gibt und keine logische Stringenz. Politik ist ein Spiel und die einzige Regel ist: Gegen das, was die andere Seite einbringt, egal was das sein mag.«
(Twitter: Geschützter Account)

Im November 2022 ist es dann doch so weit:
»In Baden-Württemberg, Bayern, Hessen und Schleswig-Holstein soll die Isolationspflicht für Coronainfizierte wegfallen. Die neue Regelung soll zeitnah kommen – gegen den Willen von Gesundheitsminister Lauterbach.«
Es gilt jetzt Maskenpflicht für Infizierte 🤡, vorangetrieben wurde die Initiative von Manne Lucha, dem berüchtigten grünen Durchseuchungsminister und Verharmloser in BW. Österreich als politisches Vorbild zu nehmen, ist sehr selten eine gute Idee.

Hier O-Ton Manne Lucha der Grünen BW mit Eigenverantwortung der Bevölkerung bei Corona usw. – man muss ihn einfach bei so viel anscheinender Kurzsichtigkeit und Inkompetenz für bö… kühn halten.
»Wir gehen diesen nächsten Schritt konsequent und mit prominenter Unterstützung durch Thomas Mertens von der Ständigen Impfkommision (STIKO) oder auch den [sic!] Virologen Hans-Georg Kräusslich aus Heidelberg, der uns in Baden-Württemberg schon die ganze Zeit berät.« 🤡 🤡 🤡
Die Durchseuchungswalze Mertens ist jedem ein Begriff, der bräsige Opa, der die Impfempfehlungen verschleppt und es vorzieht, Kinder stattdessen wild zu infizieren; Kräusslich hält Omikron für weitgehend harmlos (zweite Quelle), sieht keine Schäden des Immunsystems oder der Organe durch Ansteckungen, denkt nicht an Long Covid, etc.: »Aus Kräusslichs Sicht könnte man Corona jetzt einfach laufen lassen.« Und so was wird dann publizistisch einfach so unwidersprochen als eine Expertenmeinung wiedergegeben, statt mal in die Konfrontation zu gehen. Der Mann hat schließlich studiert!

Ende der Maskenpflicht in BW in der Bahn, Januar 2023:
Lucha: »Das ist ein konsequenter Schritt unseres stufenweisen Vorgehens in der Pandemiebewältigung. Nachdem wir Ende des vergangenen Jahres bereits die Isolationspflicht für Infizierte abgeschafft haben, gehen wir nun den nächsten Schritt.« 👏

Das sollte eigentlich in den Ohren aller wie eine Drohung klingen. Wieso soll der Schutz in öffentlicher Verkehrsinfrastruktur gegenüber einem neurotropen hypervirulenten Virus mit schweren Folgeerkrankungen nicht mehr verordnet werden? In welcher Logik ist das eine positive Nachricht? Wieso lässt die Presse der Politik das durchgehen? Was ist mit den Vorerkrankten und Alten? Wenn niemand mehr Masken trägt, hilft auch die eigene Maske zum Selbstschutz nur noch kläglich. Es ging immer um Eigen- UND Fremdschutz. Jetzt werfen sie Gefährdete sozialdarwinistisch vor den Zug! Welcher Teil daran hat bitte mit „Pandemiebewältigung” zu tun?! Wenn niemand mehr Maske trägt und alle tapfer so tun, als hätten sie keine Folgeerkrankungen, dann ist die Pandemie damit für die Wirtschaft ‚bewältigt‘?!

An dieser verheerender Entscheidung beteiligt war auch die „Allianz pro Schiene“, deren Geschäftsführer Dirk Flege sich wiederholt in schwurbelig irrationalen Argumentationen für die Aufhebung der Maskenpflicht im Zug ausgesprochen hat (schöne Kommentare in dem verlinkten Thread). Was ist diese Allianz eigentlich? Allianz pro Schiene: »Der Zusammenschluss aus Zivilgesellschaft und Bahnbranche vereint mehr als 200 Unternehmen und Verbände mit insgesamt mehr als 2,5 Millionen Einzelmitgliedern.«

»Was für ein Quatsch. Züge sind ein alltägliches Transportmittel, um das kein Weg herumführt. Wer nicht in den Urlaub fliegen will, der muss es nicht. Außerdem finden im Zug viel öfter Fahrgastwechsel statt, dementsprechend mehr Kontakte. Ihr sollt uns Fahrgäste schützen, statt uns zu durchseuchen.«
@jmbeuter, September 2022

»Wenn es euch „nicht zu vermitteln“ ist [warum keine Maskenpflicht im Flugzeug, aber in der Bahn], heißt es ja nicht, das es durchschnittlich rationalen & rücksichtsvollen Menschen nicht doch zu vermitteln wäre. Weil die gelbe Sekte etwas im Luftverkehr durchsetzt, muss das ja nicht überall gelten.«
@oldoldtreptow, September 2022

»Komplett verantwortungslos. Weil die FDP im Flieger für Durchseuchung gesorgt hat, soll diese skrupellose Rücksichtslosigkeit nun auch in der Bahn herrschen.«
@th_fritz, September 2022

Dem Journalismus kann ich an dieser Stelle wieder ein Vollversagen attestieren: In allen Medien wurde das „Durcheinander“ der Maskenregeln bemängelt, so sei es nicht verständlich, wieso im Flugzeug keine Maskenpflicht mehr gelte aber in den Zügen schon. Und wieso noch immer im Fernverkehr, aber in einigen Bundesländern nicht mehr im Nahverkehr. Dann seien da noch die Nachbarländer, die ohnehin schon im Unverstand alle Maßnahmen geschmissen haben. Die Konsequenz müsse doch sein, dass auch wir nun „endlich“ die Maskenpflicht abschaffen. Ihr habt nie auch nur versucht, den Sinn der Maskenpflicht klar verständlich zu kommunizieren! Wo blieben die deutschen Aerosol-Animationsfilme über Fluidphysik, wo die Erklärstücke für alle Altersklassen, wieso Masken auf zwei Seiten sehr viel verlässlicher wirken als nur auf einer? Wo wurde darauf hingewiesen, dass seit Omikron nur noch Rachenabstriche sinnvoll testen? Wenn überhaupt wurde so etwas einmal in einer Wissensdoku für Interessierte gebracht, wenn es hätte Thema von regelmäßigen niedrigschwelligen linearen Informationssendungen zum Pandemie-Virus sein sollen, das unser Leben über Jahre radikal verändert hat – aber so tief wollte der ÖRR nicht sinken, ein basales, sich wiederholendes Informationsangebot über das Virus zu versenden, oh nein, die Quote!!

Wie begründet sich eigentlich diese Behauptung der besseren Luft im Flugzeug? ✈️ Als ich für dieses Kapitel recherchiert habe, bin ich auf Erstaunliches gestoßen: Bei näherer Betrachtung stellt sich heraus, dass das politische Narrativ der angeblich weit weniger gefährlichen Viruskonzentration dort höchst zweifelhaft ist: Der HEPA-Filter befindet sich in Flugzeugen weit von den Passagieren entfernt im Frachtraum – frühere Studien haben gezeigt, dass Infizierte trotzdem ihre Sitznachbarn und weitere Umgebung anstecken. Die eine Hälfte der Luft zirkuliert, die andere wird mit Außenluft ausgetauscht. Das geschieht zwar mit einem relativ hohen Tempo, bei dieser Frischluft zählt aber der tatsächliche Luftvolumenstrom pro Passagier und der ist dann doch recht niedrig. Erschwerend kommt hinzu, dass ein Infizierter nicht nur einmal Viruspartikel ausstoßen wird, sondern permanent. »Der Vergleich Flugzeug – Bahn: […] Die Werte sind sehr ähnlich, Unterschiede gleichen sich aus. Auf dieser Basis kann eine radikale Entscheidung zur Maskenpflicht (hier ja, dort nein) physikalisch nicht begründet werden. […] Der Unterschied ist, dass es sich bei der Maskenpflicht im Flugzeug nicht um einfache aufbegehrende Bürger handelt, die vorstellig werden, sondern um einen einflussreichen Bereich der deutschen Wirtschaft, der durch Verbände gut und durchsetzungsstark organisiert ist. Maßgeblich dabei die Lufthansa, die einen Wettbewerbsvorteil (Komfortvorteil) gegenüber der Bahn erhält, wenn im Flugzeug exklusiv auf Masken verzichtet wird. Am Ende geht es immer nur ums Geld.«

Das erklärt das besondere Interesse der neoliberalen FDP am Ende der Maskenpflicht in Flugzeugen. Strategisch war es auch ausgebufft, denn dieses partielle Schleifen von Maskenpflicht in Transportmitteln konnte man dann sofort wieder als Argument im egomanischen Öffnungskreuzzug aufgreifen, es sei für die Bürgoj nicht nachvollziehbar, wieso nun in der Bahn noch Maskenpflicht herrsche. Dass Maskenpflicht im Flugzeug international im September 2022 bereits weithin abgeschafft worden ist, spricht vor allem nicht für diese anderen Länder. Außerdem sind Flugzeuge keine öffentliche Infrastruktur, auf die Jung und Alt zur Fortbewegung zu Schulen und in Arztpraxen angewiesen sind.

Aber wie berichtet die Presse über das Ende der Maskenpflicht in Flugzeugen und später Zügen? „Das hat die Politik jetzt so entschieden, naja, dann ist das so…“, statt ihnen die bewussten Falschdarstellungen immer wieder vor den Latz zu knallen! Mein Verdacht auch: Statt überhaupt mal intensiver zu recherchieren.

Nun sind wir in der unfassbar dummen Situation, in der ein deutsches Bundesland das nächste bei der Abschaffung der Maskenpflicht im Nahverkehr mitreißt, Argumentation immer, das führe beim Grenzübertritt zu Verständnislosigkeit. Lauterbach dürfte sich durch den Druck der Länder genötigt sehen, noch vor der eigentlichen Frist im April auch die Maskenpflicht im Fernverkehr abzuschaff… – die Realität hat mich eben Mitte Januar beim Schreiben überholt: schon im Februar wird sie eingestampft. Was hier geschieht, ist mit der Gefährlichkeit des Virus kognitiv nicht zu vereinbaren. Es handelt sich im Kern um Druck der Straße einer 1) corona-überdrüssigen Bevölkerung, 2) die unterirdisch schlecht von Politik und öffentlich-rechtlichen Medien in die Masse hinein über die Gefahren des Virus und seiner Nacherkrankungen informiert wurde, 3) dessen Forderung die Politik populistisch aufgreift, um den Punkt machen zu können: Wir haben die Pandemie überwunden und jetzt dürft ihr euch wieder verhalten, als ob nichts wäre, genau wie ihr es verlangt! Vox populi, vox Dei! Wir hören auf die Stimme des Volkes und die ist ja so viel vernünftiger als diese ewigen Mahner und Spielverderber aus der Medizin!!!11

11 – Solidarität ist tot und die FDP ist der Gärtner

„EiGeNvErAnTwOrTuNg“ ist für mich in dieser Pandemie zum Schimpfwort geworden.

»Jeder Zehnte geht trotz Corona zur Arbeit«
Und das war noch aus Oktober 2022 und per unzuverlässiger Selbstauskunft! So wie Corona mittlerweile als Schnupfen gerahmt wird, dürfte jedu zweitu auf Isolation pfeifen.
Auch aus dem Text: »Nur 33 Prozent der Befragten bleiben bei einem leichten Corona-Verlauf so lange zuhause, bis sie wieder gesund sind. […] „Noch dazu können Mitarbeitende angesteckt werden.“ So sei die Präsenz im Büro trotz positiven Corona-Tests „eine unzumutbare Gefahr„«

Lest diesen Mini-Thread über eine Veranstaltung der Werbebranche im Mai 2022 in Hamburg. 70k Teilnehmoj fast gänzlich ohne Masken in Innenräumen, ne Woche später stellt sich raus, offenbar haben sich rund 25% davon mit Covid infiziert. Man will nur noch schreien. Wobei: »Wer sagt, dass der Ursprung nicht aus der Gruppe selbst stammt: Und prompt verzerrt die gemeinsame Busreise die komplette Stichprobe…«, dennoch halte ich die 25% in Anbetracht der Inzidenzen für realistisch.
»Auf der OMR22 trugen vielleicht 100 Menschen von 70.000 (!) eine Maske.«
@KatrinTae, Mai 2022

»Da das Studium wieder angefangen hat, ein paar Worte zur Pandemie: An der LMU hocken sich 90-95% der Studierenden (hier: Ethik, wo’s ja um Moral & Verantwortung geht) ohne Maske in den überfüllten Seminarraum trotz Wiesn-Welle. Sinnbild Eigenverantwortung.«
@lisapoettinger, Oktober 2022

EURE VERDAMMTE EIGENVERANTWORTUNG IST NICHTS ALS HOHN FÜR VULNERABLE UND DIE SPÄTFOLGEN ALLER VON VORGEBLICH MILDEN AKUTVERLÄUFEN!

»As we continue the denihilist status quo of doing whatever this nothing we’ve been doing is, we now live in a state of collective grief. Whether through the loss of those we love, the health we used to take for granted, or the idea of any solidarity or accountability in the face of mass crisis
Jenka auf Medium, Juni 2022

Shielding under endemic SARS-CoV-2 conditions is easier said than done: a model-based analysis
»Our results suggest that individuals seeking to opt out of adverse outcomes upon SARS-CoV-2 infection will find it challenging to do so, as large reductions in contact rate are required to reduce the risk of infection. Our findings suggest the importance of a multilayered strategy for those seeking to reduce the risk of infection. This work also suggests the importance of public health interventions such as universal masking in essential venues and air quality standards to ensure individual freedom of choice regarding COVID-19.«
(Studie, Januar 2023)

WHO, Januar 2023!!: »Masks are recommended following a recent exposure to COVID-19, when someone has or suspects they have COVID-19, when someone is at high-risk of severe COVID-19, and for anyone in a crowded, enclosed, or poorly ventilated space

Die WHO empfiehlt im Januar 2023 auch nachdrücklich Masken auf Langstreckenflügen.

»WHO: Maske tragen!
Deutschland: Lasst uns die Maskenpflicht abschaffen!
WHO: 5 Tage Isolation ohne Symptome, 10 Tage mit.
Viele Bundesländer: Geh und verteile Dein Virus!
Mehr muss man über den Wert von Experten für die deutsche Politik nicht wissen.«
@jantheofel, Januar 2023

»Lieber Herr Andrew Ullmann [un-gesundheitspolitischer Sprecher der FDP], lieber Marco Buschmann [unfähiger Justizminister der FDP], liebe FDP, wenn Eigenverantwortung funktioniert und zu Hause bleibt, wer krank ist, warum gibt es dann verpflichtende PCR-Tests, Maskenpflicht, Luftfilter und UV-Licht beim Weltwirtschaftsforum in Davos? Und das gegen ein „normales Coronavirus“?
Zwei Schlüsse:

  1. Das Virus ist längst nicht harmlos wie uns die Politik weismachen möchte und die Politik weiß das auch.
  2. Man traut den per Selbstdefinition wichtigsten Weltlenkern* nicht zu, (eigen)verantwortlich zu handeln.«

@BergheimJeff, Januar 2023

Hier Fotos aus den Gesprächsräumen in Davos: Tests, Luftfilter, Winterjacken (stark belüftet):
»The richest people are meeting at Davos and they have HEPA filters in every room, they PCR test everyone, disabling your key card if you fail to test or test positive, and wear winter clothes indoors, which suggests plenty of ventilation. Wonder why kids in schools, people in hospitals, malls, libraries, or shelters don’t need all these too? One standard for them, one for those of us who keep the economy going for them.«
@pezmico@mastodon.nz, Januar 2023

World Economic Forum: Here Are All The Covid-19 Precautions At Davos 2022
(Forbes, Januar 2023)

Luftfilter und Tests: Für die Mächtigen in Davos ist Corona nicht vorbei
(t-online.de, Januar 2023)

»Seeing all the bourgeoisie benefit from clean air, testing, fitted masks, and COVID airborne education while the rest of the world are given piecemeal [~Stückwerk-] protections is giving me “let them eat cake” vibes
@DaliaHasanMD, Januar 2023, momentan geschütztes Profil

»In Davos they know that: 1) SARS-CoV-2 is airborne, 2) The pandemic is far from over 3) How to keep indoors safe and reduce transmission with effective airborne measures. THAT IS exactly what we have been fighting for these years of pandemic. #DavosSafe now and for everyone.«
@Iamgoingtosleep, Januar 2023

»Natürlich ignoriert das individuelle Risiko die Bedrohung, die sie für andere darstellen könnten, das heißt, das individuelle Risiko ignoriert in seiner atemberaubenden Blindheit die grundlegendste Tatsache von Infektionskrankheiten: die Übertragung. Die Entscheidungen jeder Person wirken sich untrennbar auf ihre Gemeinschaft aus….«
@CorneliaBeeking, Oktober 2022, übersetzt Thread von @Loretta_Torrago
Die epidemiologische Betrachtung, die zugunsten der individuellen Risiko-‘Analyse’ häufig vergessen wird!

Mitte Januar 2023 fordert die FDP allen Ernstes:
Aus für Maskenpflicht in Kliniken, Heimen und Praxen
„Angstbasierte Entscheidungen sind nie ratsam”, „viel emotionales Leid”.

32% Infektionswahrscheinlichkeit nach 30 min bei 1,5m Abstand, wenn nur man selbst eine FFP2-Maske trägt (ZDF Heute):
Besonders relevant: Nur eigene 5% Infektionswahrscheinlichkeit, wenn das infektiöse Gegenüber eine Maske trägt und man nicht mal selbst eine. Das wäre eigentlich ein super Wert, um die Filterleistung der Masken zu feiern und sagen: Wenn dann beide eine Maske tragen, ist die Infektionswahrscheinlichkeit erst recht minimal (hier in Grafik mit 1,5% angegeben, ZDF-Diaschau: 0,08%, wahrscheinlich bei perfektem Sitz; weiterer Artikel mit Schaubildern und Infos, SWR). Aber an diese Stelle rückt nun das Narrativ von der EiGeNvErAnTwOrTuNg von Infizierten und Gefährdeten und es ist vollkommen klar, dass sich die breite Masse bei Symptomen nicht solidarisch zeigen wird. Das wird politisch und in der Presse einfach hingenommen und nicht weiter hinterfragt, auf welchen unsolidarischen Irrsinn man sich da verständigt hat und das jetzt irgendwie gesellschaftlich akzeptabel findet. Es darf auch nicht vergessen werden, dass der Gruppendruck auf nicht komplett selbstsichere Normalos schon im letzten Jahr gewaltig war – selbst eigentlich Vorsichtige fühlen sich mit Maske als unerwünschte Außenseiter, das halten nur als Nerds Sozialisierte aus.

Cartoon: „You’re wearing a mask?! Don’t be a sheep!!“, schreit der Lemming dem Maskenträger zu, während seine Lemmingherde dem Wegweiser „Covid →“ entlangrennend von der Klippe stürzt.

»It’s interesting, the same people that have lived their life never giving into peer pressure from friends are the same people still wearing masks.«
@downtonallie, Januar 2023

»Im Fernverkehr ist man Stunden mit den gleichen Leuten auf engem Raum zusammen. Da spricht doch viel dafür, eine Maske zu tragen, und zwar alle.«
@AnnetteSchweiz, Januar 2023

»Im öffentlichen Verkehr (ob nah oder fern) geht es beim Thema Masken nicht um eine Zunahme der Fälle, sondern darum, dass man diesen auch als vulnerable Person benutzen kann. Klar kann man selbst FFP2 tragen, aber bei den dort vorkommenden geringen Abständen schützt das nicht zuverlässig davor, infiziert zu werden. Im Nahbereich ist man einem Tröpfchenschauer ins Gesicht hilflos ausgeliefert, genauso wenn man sitzt und andere Fahrgäste an einem vorbei durch den Wagon laufen. Schämen Sie sich [Antwort an Lauterbach] eigentlich nicht? [Maskenpflicht] zumindest da, wo man es sich nicht aussuchen kann hinzugehen, und bis es ggf. andere Möglichkeiten gibt (sterile Impfungen o.ä.). Im Club oder Restaurant kann sich jeder anstecken lassen, wie er will.«
@RolandSB13, Januar 2023

»Welch ein Hohn! Abwassermonitorings (wo vorhanden) weisen eine sehr hohe Corona-Last auf, die neue Variante soll noch ansteckender sein (=einseitig FFP2/3 tragen schützt evtl. nicht ausreichend) und Sie schaffen in dieser Zeit ohne Not die Maskenpflicht ab.«
@IchWillAnDieSee, Januar 2023, Antwort an Lauterbach

Lauterbach begründet die Aufhebung der Maskenpflicht im Fernverkehr auch mit der Überwachung des Abwassers:
»Wo sind die Abwasserdaten transparent einsehbar? Wie sollen sich Kinder eigenverantwortlich schützen? Wie wird der Schutz von Vulnerablen und Kindern ausgeglichen/gewährleistet, der durch den Wegfall der Maskenpflicht sinkt?«
@nullsieben11, Januar 2023

Faktencheck:
Corona im Abwasser – Projekte in Kläranlagen stocken, Beispiel aus Hessen:
»Obwohl der Bund das System ausbauen will, stocken in Hessen die Projekte zur Überwachung von Corona im Abwasser. Zum Jahreswechsel wurde die Probenentnahme an den meisten Standorten eingestellt. Zum Jahreswechsel wurde die Probenentnahme an den meisten Standorten eingestellt. […] Die führende Forscherin auf diesem Gebiet ist „mittlerweile doch mehr oder weniger desillusioniert“« »Bundesweit sollen künftig 170 Kläranlagen Daten liefern, derzeit sind es laut hessischem Sozialministerium 25, einziger hessischer Standort ist Büdingen.«

In die offizielle Inzidenz gehen übrigens ausschließlich (!) PCR-Tests ein. Die Dunkelziffer ist darum enorm. Arztpraxen werden seit einem Jahr dazu angehalten, die teuren PCR-Tests vor allem für besonders Gefährdete aufzusparen. Das günstigere Wiener-Pool-Testmodell wurde in Deutschland nie ernsthaft erwogen. In den Nachrichten wird die offizielle Statistik dennoch regelmäßig ohne Einordnung der Untererfassung zitiert und damit in der Bevölkerung das fröhliche Trugbild der ausklingenden Pandemie bestärkt.

12 – Querdenker spielen den Libertären strukturell in die Karten

Als ein unerwartet riesiges Problem dieser Pandemie hat sich für die vernünftigen Teile von Journalismus, Medizin und progressiver Zivilgesellschaft die Formierung der organisierten Impfskeptiker- und Querdenkerbewegung herausgestellt. Wer nicht wie meinereiner durch Browser-Add-Ons wie den Likers Blocker hunderttausende Querdenker, Impfskeptiker und Rechte weggeblockt hat, konnte auf der toxischen Plattform Twitter den Eindruck gewinnen, zu jeder der vormaligen umsichtigeren pandemiepolitischen Entscheidung gäbe es in der ‚Bevölkerung‘ mindestens eine gespaltene, eher eine tendenziell vernichtend ablehnende Haltung. Während wir uns nun über Jahre an dieser ideologisch verirrten Sekte abgearbeitet haben, also auf Twitter sachlich widersprochen haben, Gegenhashtags gestartet haben, Widerlegungen der Lügen in allen Mediengattungen gebracht wurden und das alles leider so relevant war, dass der faktische Pandemielügen-Widerspruch es zu einem eigenen journalistischen Genre gebracht hat, dürften viele daran ausgebrannt sein. Als die zweite „Öffnungsdiskussionsorgie” (Merkel) mit der neuen Regierung unter fataler FDP-Beteiligung einsetzte, war insbesondere im Medienbetrieb der Gegner schon zu ritualisiert.

Die kontrafaktischen Trugnachrichten der Szene binden dringend benötige Energien der Wissenschaftskommunikation und des Journalismus’, um dem niederträchtig sozialdarwinistischen und egoistischen Öffnungspopulismus der FDP in angemessener Härte gegenzuschreiben. Als im Frühjahr 2022 die Maskenpflicht und Testpflicht der Länder in den Schulen beendet wurde, schien „Team Vorsicht” in Resignation zu verfallen. Der Kampf um die narrative Diskurshoheit war jetzt mit den folgenden Durchseuchungswellen verloren. Die pragmatischer veranlagte Gesellschaft gewöhnte sich daran und ‚die meisten Verläufe sind doch ganz mild‘ (wenn man dauerhafte Hirnschäden, die vielfältigen Nacherkrankungsrisiken, das geschwächte Immunsystem, die gekürzten Telomere für die Alterserwartung der Zellen, rund 16% Wahrscheinlichkeit für Long Covid, ein gesteigertes Demenzrisiko usw. usf. ignoriert, was hier alles schon in erschöpfender Breite diskutiert wurde).

Die Covid-Erkrankung verläuft freilich trotzdem nicht bei allen oberflächlich glimpflich.

Todesfälle durch Corona von Juli 2020 und 2022 verglichen:
»Waren im ersten Jahr der Corona-Pandemie [im Juli 2020] noch 135 Menschen infolge einer Covid-19-Erkrankung gestorben, stieg die Zahl im vergangenen Jahr [im Juli 2021] auf 274. Im Juli 2022 machte die Statistik noch einmal einen Sprung: Im vergangenen Monat starben 3028 Menschen. Das geht aus den Daten des Robert Koch-Institutes (RKI) hervor.«
(Tagesspiegel, September 2022)

Das sind mehr als 21-mal mehr Todesfälle wegen Covid als noch im Juli 2020. Das ist der hohe Preis des politischen Schutzmaßnahmenrückbaus, der politischen Verharmlosung und der dadurch auch politisch provozierten Rücksichtslosigkeit in der Bevölkerung.

»Einer solchen offenen Aufarbeitung steht aber gerade eine starke Strömung entgegen. Zunehmend findet jetzt, da das Virus seinen größten Schrecken verloren hat, eine gefährliche Umdeutung der Pandemie statt. Nach drei Jahren heißt es oft: „Seht her, es geht doch ohne all die Maßnahmen und Drangsalierungen.“ Die Maskenpflicht sei abgeschafft worden, ohne dass Schlimmes passiert ist, die Isolationspflicht ebenso. Und die Diskussion um die Impfpflicht sei sowieso immer falsch gewesen. Die Schlussfolgerung aus all dem: Covid-19 sei gar nicht so gefährlich gewesen, das Ausrufen des Notstands mit all seinen Freiheitseinschränkungen menschenverachtend und unnötig.«
(SZ+, Januar 2023, Blendle)

Hier schlägt das Präventionsparadoxon natürlich voll zu: Ohne das Herunterfahren der Wirtschaft (es gab in Deutschland nie einen „Lockdown“), ohne strenge Schutzmaßnahmen über 2020 und ohne die schnelle Verfügbarkeit von hocheffektiven Impfstoffen hätte wir auch in Deutschland Millionen Coronatote gehabt. – Und ohne wirksame Schutzmaßnahmen gegen die Übertragung werden wir mit Abermillionen Long-Covid-Fällen, Menschen mit schweren Nacherkrankungen und einer Bevölkerung mit dauerhaft generell geschwächtem Immunsystem bezahlen. Alle Parteien im Bundestag steuern gen dieses Phantasmas einer nachpandemischen ‚Endemie‘, die nach ihren Vorstellungen so aussehen soll, als sei das Virus jetzt zu einem Schnupfen mutiert. Dabei frisst dieses als harmlos deklarierte Virchen sich durch Hirne, durch Gefäße, hinterlässt Spuren in Herz, Leber und Lunge, schwächt das Immunsystem für mindestens ein Jahr, steigert das Risiko für Demenz und Schlaganfälle. Willkommen in der neuen Normalität.

13 – Empfehlungen

Neue Impfstudien: Jetzt boostern gegen die Corona-Schreckgespenster
»Sie alle zeigen: Booster, insbesondere mit den bivalenten Impfstoffen [die Omikron-aktualisierten], heben die körpereigene Immunität auf ein viel höheres Level. In einer mehrmonatigen Studie mit fast 112 000 Insassen kalifornischer Gefängnisse waren auch die vor einer erneuten Infektion [trotzdem] besser geschützt, die kurz davor schon eine Corona-Infektion durchgemacht haben. Die Mediziner der University of California in San Francisco sprechen von einem „kumulativen Boostereffekt“, heißt: Jede Auffrischung bringt einen messbaren Zusatznutzen. […] Das Covid-19-Risiko war ohne Auffrischung 2,7-fach erhöht. Im „New England Journal of Medicine“ wurde von Ärzten der Emory University in Atlanta in einer Express-Publikation gezeigt, dass die bivalenten Impfstoffbooster die Zahl der Antikörper, die auch gegen die neuesten Omikron-Subvarianten wie XBB oder BQ.1.1 noch Wirkung zeigen, nachhaltig steigt.«
(FAZ+, Blendle)

Alle vier Monate nachimpfen.
Über-30-Jährige möglichst mit Moderna, aber idealerweise auch mal mit BioNTech abwechseln, heterologisches Impfschema scheint auch bei den mRNA-Stoffen eine breitere Immunantwort zu erzeugen. Es bietet sich an, dafür den Impfort zu wechseln, nur von einer vierten oder fünften Impfung zu sprechen und leider sein Impfbuch verlegt zu haben. Wenn es beim ersten Versuch nicht klappt, an einem anderen Tag wieder kommen, woanders versuchen, oder sich konspirativ um Empfehlung bittend an das „u12Schutz“-Kollektiv wenden (siehe weiter unten).
Nachtrag Mai 2023: Es sind neue Studien erschienen, die von kaum nachweisbaren spezifischen Omikron-Antikörpern mit dem aktuellen bivalenten Booster sprechen. Sollte man sich jetzt noch einen zweiten holen? Schwierig! Denn damit stärkt man das soganannte Imprinting auf den Wildtyp, denn: Das Immunsystem spricht beim bivalenten Booster vor allem auf den Wildtyp-Anteil an, den es schon kennt, den BA.4/BA.5-Teil (Omikron) ‚übersieht‘ es (aber auch nur nach dieser Impfung, nicht für alle Zeit). Die aktuellen XBB-Stämme sind wiederum nochmals weiter von BA.5 entfernt, so dass man sich fragen kann, wie stark selbst der Schutz durch eine funktionierende BA.5-Impfung überhaupt noch sein könnte. Die WHO hat nun neue monovalente XBB-Impfstoffe in Auftrag gegeben. Meine Einschätzung (ich bin kein Mediziner): Es dürfte noch bis in den Spätherbst 2023 bis zu dem angepassten Impfstoff dauern. Ein weiterer Booster jetzt ist nicht grundsätzlich verkehrt, weil er höchstwahrscheinlich wenigstens die Krankheitsschwere und das Long-Covid-Risiko bei Infektion verringert. Es sollten dann aber besser nicht erst vier Monate seit dem letzten Booster vergangen sein. Ende des Nachtrags.

Die Impfung bewirkt kaum Schleimhautimmunität, also verhindert kaum mehr Ansteckungen, wenngleich das mit den aktualisierten Impfstoffen noch nicht so klar scheint. Die Immunität nimmt jedenfalls schon nach einem Monat rapide ab, nach drei Monaten ist die Boosterwirkung weitgehend verpufft, wenngleich es Daten dafür gibt, dass jeder Booster die generelle Immunität doch noch ein bisschen weiter steigert. Diese Rahmung: „Wer benötigt die vierte Impfung?“ seit dem Sommer 2022 in Politik und Presse macht mich fertig. Das klingt, als ob da eigentlich niemand Bock drauf hätte und nicht, dass sie frische Immunität vor einem stetig mutierenden gefährlichen Virus herstellt, von der jedu profitiert.

Kann man auch zu oft geimpft werden?
»Die Gefahr einer Art „Überimpfung“ sehen Expertinnen und Experten aber nicht. „Eine ‚Überimmunisierung‘ kann es im Prinzip nicht geben“, sagt die Würzburger Immunologin Marina Prelog. Ideal wären aber ein Abstand von drei bis sechs Monaten zwischen den Erreger-Kontakten oder Impfungen.«
(ZDF Heute, Oktober 2022)

Ob das ab April 2023 noch funktioniert, wenn die sogenannte Regelversorgung beginnt und die Impfstoffkosten von den Krankenkassen übernommen werden müssen? Sympathischerweise erhöhen Moderna und BioNTech ihre Preise um 400%. Vergessen wir auch nicht, dass BioNTech plus der deutsche Staat sich gegen Aufhebung der Patente für ein erfolgreiches weltweites Impfprogramm ausgesprochen haben und darum Millionen Menschen unnötig sterben mussten.
(Exkurs: Diskussion darüber, dass es eigentlich weniger um die Patente geht, sondern die Betriebsgeheimnisse, wie genau die Rezeptur im industriellen Maßstab hergestellt werden kann plus Sorge vor dem Präzedenzfall: wenn einmal ein Patent für das Allgemeinwohl ausgesetzt wird, senke das die Hemmschwelle, das auch öfter zu tun.)

Nach der Impfung 10 Tage keinen Sport, das reduziert das Myokarditis-Risiko. Eine Myokarditis würde ca. zwischen dem zweiten und 28. Tag ohne Ankündigung wie aus dem Nichts auftreten. Falls sie auftritt, natürlich sofort ins Krankenhaus. Sich in die Symptome einzulesen, um sie erkennen zu können, ist klug.

The bivalent vaccine booster outperforms
»A key question is how long the bivalent [der aktualisierte Impfstoff von 2022] will help prevent severe Covid. There’s no reason to think it would differ much from what we’ve seen with the original booster, with diminished protection over the course of 4 to 6 months. We can’t keep relying on such frequent shots (2-3 times per year) in the future, which is why it is so critical for an enrichment of our preventive armamentarium [Handwerkszeug] – more durable vaccines by tweaking nanoparticles, striving for variant-proof efficacy, and mucosal immunity [Schleimhautimmunität], no less more drugs beyond Paxlovid that can rapidly inactivate the virus. […] Bivalent boosters work well to prevent severe Covid, as manifest by reduction of hospitalizations and deaths. They are not a panacea [Allheilmittel], by any means—their efficacy against infections is limited and of short duration, which has been the case for shots since the Omicron variant came along in late 2021.«
(Eric Topol, Januar 2023)

Aufrüsten! Die besseren FFP3-Masken sind bezahlbar! Zum Beispiel die Sigmund Care. Zu meiner Verblüffung fällt das Atmen durch sie nicht mal schwerer. Lest euch durch Maskentests. Trage selbst nun auch oft Urbandoo-Schlauchschalmasken mit FFP3-Tauschfiltern (keine Reflinks, keine Werbung). Letztere und ihre Austauschfilter gibt es auch oft neu bei Ebay Kleinanzeigen etwas günstiger (zuvor die Größe recherchieren). Rein theoretisch betrachtet sind auch die Augen ein Einfallstor fürs Virus. Ich bin noch nicht so weit, deswegen eine Taucherbrille zu tragen, aber seitdem ich davon erfahren habe, fühle ich mich unter Menschen mit Brille statt Kontaktlinsen wohler. Die Brille drückt mit dem Nasensitz auch auf die Maske, das bewirkt eine zuverlässigere Abdichtung.

Rauchtests mit Maske machen: Wenn ihr vertretbare Kräuter zur Hand habt, testet damit, ob und wenn ja wo eurer Maskensitz Lecks hat. Weitere hilfreiche Links in diesem Twitter-Thread, auch zu weiteren FFP3-Masken-Empfehlungen.

Richtig schnelltesten!
Seit Omikron sind nur noch Rachenabstriche aussagekräftig. 90% der öffentlichen Teststationen testen ungenügend.

So klappt der Selbsttest auf die Omikron-Variante
Habe häufiger die Reihenfolgeempfehlung gelesen, erst mit dem Stäbchen in den Rachen zu gehen, anschließend mit demselben Stäbchen in die Nasenlöcher. Doch die Reihenfolge ist leicht kontrovers: So sei es klüger, nicht die Keime des Mundraums ‚eine Ebene höher‘ zu befördern und daher erst Nasenlöcher, dann den Rachen abzustreichen. Wenn der Würgereiz einsetzt, macht ihr es richtig. In die Nasenlöcher so tief wie es schmerzfrei möglich ist vordringen – horizontal eingeführt geht es leichter, tatsächlich wollt ihr nämlich damit anatomisch nach hinten, nicht nach oben. Es soll sich auch bewährt haben, zuletzt noch auf das Stäbchen draufzuhusten (die Zunge sollte es idealerweise nicht berühren) und es dann nach dem gründlichen Ausdrücken im Röhrchen erst noch eine Minute stehen zu lassen. Es ist übrigens auch völlig egal, ob der Test offiziell für den Rachen zugelassen ist oder nicht.
(Brigitte.de, Januar 2022)

Trotzdem: Mit negativen Schnelltests sollte man sich (und seine Mitmenschen!) nicht in falscher Sicherheit wiegen:
Virologe kritisiert: Schnelltests nicht sensitiv genug
»„Wir sehen hier eine Sensitivität von 38,5 Prozent. Das heißt, es werden nur zwei von fünf PCR-positiv getesteten Personen dann auch per Schnelltest als positiv erkannt.“ Bei der Omikron-Variante sei die Sensitivität noch geringer. Sie liege bei knapp 34 Prozent. Verzichtet man auf die PCR-Testung, verpasst man nach Aussage Krone also einige Infizierte, bei denen der Schnelltest nicht anschlägt.«
(MDR, September 2022)
Wie kann das sein, werden doch viele Schnelltests mit über 90% Spezifität beworben? Das gilt eben häufig nur bei hoher Viruslast.
Anekdotische Beispiele von Familien, wo die Schnelltests nicht ausreichend waren.

Es lohnt sich die Beschäftigung mit den Schnelltestmarken. So gibt es welche, die zwar hohe Viruslast sehr zuverlässig erkennen, geringe Viruslast aber nicht. Da die Nachfrage nachgelassen hat, es die besten Marken mittlerweile regelmäßig günstig. Bisschen suchen, gegebenenfalls Preisalarme einstellen.

Ein offizieller PCR-Test steht übrigens nach wie vor allen mit positiven Selbsttests kostenlos zu (Stand Januar 2023). PCR-Tests sind sinnvoll, weil sie die Infektion amtlich belegen und damit gegebenenfalls nötige Behandlungen wegen Long Covid legitimieren. In Zeiten mit mehreren zirkulierenden Mutanten ist es auch medizinisch wissenswert, die eigene zu kennen.

Impft eure Kinder, verdammt noch eins! Impft sie drei- und vier- und vielfach!
Die Seite u12schutz.de vermittelt Eltern an impfwillige Kinderärztoj ihrer Region, auch außerhalb der Impfempfehlung der Mertens-STIKO. Die Vermittlung findet über Twitter- und Mastodon-DMs statt.
Versucht euren Kindern die Übertragungswege des Virus durch Aerosol-Animationen zu erklären und versucht ihnen ein psychologisches Verständnis dafür zu vermitteln, warum niemand sonst in ihrem Umfeld mehr Masken trägt. Zeigt ihnen Bilder von den Masken während der Spanischen Grippe, damit vermittelt ihr ihnen die Kontinuität von schwer pathogenen aerosolen Viren für die Menschheit. Erklärt ihnen, dass Covid nicht nur Husten ist, sondern viel, viel mehr und dass sie einen fitten Körper brauchen, für die Katastrophen, die noch kommen mögen. Weckt in ihnen das intrinsische Interesse, sich zu schützten und nicht zu trotzen.

Dass ~16% aller Infizierten – auch der mit Drittimpfung! – an Long Covid erkranken, scheint erschreckenderweise noch immer Exklusivwissen der Info-Bohème zu sein. Erzählt das euren Bekannten und Familienmitgliedern! Covid ist kein grippaler Infekt! Klärt eure Bekanntschaft und insbesondere die Älteren über die potentiell schweren Folgeerkrankungen von Covidinfektionen auf. Druckt ihnen Kapitel und verlinkte Artikel dieses Texts aus, lest ihnen daraus vor, übersetzt ihnen gegebenenfalls, erklärt ihnen, dass sie die Politik für eine perverse egoistische Freiheitsideologie vor den Zug wirft. Vermittelt ihnen, dass die Welt durch das Virus schlechter geworden ist, dauerhaft schlechter. Ihr könnt auf die Klimakatastrophe querverweisen, die ihre Generation viel zu lange ignoriert hat, auf die Zoonosen, die darum nun entstehen. Weist sie auf die Hoffnung für die Menschheit durch bessere Coronaimpfstoffe hin.

14 – Epilog und Dank

Ich frage mich oft mit einem Schaudern, wie ich diese Pandemie erlebt hätte, wäre ich nicht intensiv auf Twitter und Mastodon und dort in wissenschaftsnahen Nerdkreisen unterwegs. Mit dieser Arbeit will ich andere an meinem aggregierten Wissen teilhaben lassen. Die Covid-Gefahren, die Strategien der politischen Verharmlosung und die Konsequenzen der kollektiven Selbsttäuschung dürfen nicht nur in den Kreisen extrem vernetzter Wissenschaftloj und Technerds diskutiert werden.

Ich danke allen Zitierten für ihre Beiträge und bitte bei den Verlagen um Nachsicht für die teils umfangreichen Übernahmen.

Ich bin recht naiv an dieses Projekt herangegangen und wollte ursprünglich nur eine bessere Linkliste schreiben. Unweigerlich habe ich begonnen, Einordnungen zu verfassen und war damit auf einmal selbst mittendrin im journalistischen Handwerk. Die tiefe Komplexität, die Vielstimmigkeit, die ambige soziale Dimension und die rollende Studienlage, sowie die für all das nötige Puzzlearbeit kannte ich vormalig allenfalls von Abschlussarbeiten.

Wie niemandem entgangen sein sollte, ist das Thema ein Fass ohne Boden und darum bin ich glücklich, nun hier unten doch noch einen gefunden zu haben.

Bleibt gesund!

Die Linkspartei hat moralischen Totalschaden

Ich habe die Linke schon immer unterstützt und gewählt nicht für das, was sie ist, sondern für das, was sie sein könnte. Nach einigen Jahren im Solid- und Linkspartei-Umfeld hat es über die letzten zwei Jahre vermehrt in mir gegärt und nach sukzessiver Entfremdung habe ich an diesem Wochenende den Entschluss gefasst, die Partei zu verlassen.

Für diesen Entschluss habe ich mir und der Partei viel Zeit gelassen:

  • Nachdem die Gesamtpartei während der gesamten Corona-Pandemie keine Vision einer solidarischen besseren Gesellschaft zustande gebracht hat, keinen Pandemieweg vorgeschlagen hat – wegen ihrer Zerstrittenheit sich nicht beherzt auf die darum flehende Seite der Wissenschaft geschlagen hat (NoCovid? Irgendwas?) – kaum etwas verbreitete, was nach einer Utopie von Sozialismus duftete – und nachdem sich die im Ansatz gute Vermögensabgabe im Wahlkampf als angreifbar undurchdacht herausstellte, was der ganzen Sache schadete
  • Nachdem ich mich spätestens seit dem BTW-Wahlkampf wegen des Listenplatzes + ›versöhnlichen Wahlkampfauftritten‹ mit der Parteiführung für Sahra Wagenknecht und ihren stetigen Querfront-Äußerungen für die Partei in den Boden schämen musste
  • Nach transfeindlichen Äußerungen und Abstimmungsverhalten von Dağdelen, Ernst, Wagenknecht, Ulrich
  • Nach dem Desaster der dogmatischen Afghanistan-Abstimmung
  • Nach der BTW ohne Konsequenzen für die Querfront, die einfach genauso weiter ihr Programm durchziehen durfte und alle Expertojkritik ignoriert wurde, weil der Flügel ja so viele Fans und Einfluss habe (die Erpressung der Noch-gerade-so-Fraktion macht es nicht besser) – unbeachtet, dass diese Fans eigentlich die Feinde des beschlossenen Wahlprogramms sind
  • Nach der Besetzung von Automobil-Enthusiast Klaus Ernst für den Klimaausschuss trotz lauten Protesten aus Parteibasis und Klimabewegung
  • Ach, nach leidenschaftlichem Engagement (MV) und vehementer Verteidigung (Bundestag) des schon rein energiewirtschaftlich faktisch unnötigen Nord Stream 2, das strategisch konzipiert wurde, um die Ukraine beim Gastransit auszuschalten und im Kriegsfall Russlands Finanzen zu sichern – aber hinter der Kritik daran steckten ja nur die phöösen Amis, die uns unbedingt Fracking-Gas andrehen wollten – weil, Fracking-Gas sei die Alternative zu… einer weiteren Pipeline, die an sich schon gar nicht nötig ist
  • Nach dem Ukraine-Angriff Putins, der schonungslos offengelegt hat, wie ideologisch verblendet die Partei und ihre Vorläufer seit Jahrzehnten gewesen sind
  • Nachdem Wagenknecht und Amira Mohamed Ali selbst dann noch die Nato für den Krieg verantwortlich machen wollten [Nachtrag 12.04.: Der von mir bisher noch für vernünftig gehaltene Riexinger twittert darüber, wir müssten „raus aus der militärischen Logik“, statt schwere Waffen zu liefern, was nach den letzten Wochen entweder 1) unfassbar naiv ist (dieser ostentative pazifistische Glaube, dass durch Ende der militärischen Unterstützung Putin zu Verhandlungen bereit wäre – er will die Ukraine als Staat auslöschen), oder 2) er bewusst in Kauf nimmt, dass Putin den totalen Völkermord begeht, der uns aber dann nicht beträfe, weil ~Pazifismus~ // Unsere Reutlinger Abgeordnete äußert sich ebenso. 🤡 Ich weiß ja nicht, ob die alle wirklich so unbelehrbar verblendet sind, oder aus Pfadabhängigkeit selbst jetzt noch den pazifistischen Markenkern der Linkspartei für Profilierungszwecke herausstellen, in der Hoffnung, die Sympathien anderer Verblendetoj einzusammeln – aber was wäre denn besser?]

… ist bei mir mit der weitgehenden Ablehnung der Impfpflicht wegen fadenscheinigen Gründen der Kessel übergelaufen. Legalismus tötet! Die Zustimmung zur solidarischen Impfpflicht war unter Linken-Sympathisantoj beinahe bei 60%! Ich kann das nicht mehr mittragen.

Fürs Protokoll: Ihr seid todeslost!

Wir brauchen eine sozialistische und gesellschaftsliberal-progressive und pro-europäische Partei für einen sozial-ökologischen Systemwechsel. Ihr seid es nicht. Und mit diesen Strukturen werdet ihr euch aus eurem Dilemma auch nie herausentwickeln können.

Adieu.

Lesetipps:

Die Linkspartei ist ein gescheitertes politisches Projekt
»So entstand eine Institution, die unfähig ist, Konflikte auszutragen, die alles aussitzen muss, weil die Angst vor dem Bruch der Organisation, dem Abstieg in die Kleinstparteienkategorie, allen Kampfeswillen abtötete. So eine Art Linksmerkelianismus, den niemand braucht.«
Nur seine Darstellung einer konflikthaften Dichotomie bestehend aus »linke[n] Westgewerkschaftszampanos (WASG) und vage sozialdemokratische[n] Ostapparatschiks (PDS)« halte ich für eine unterkomplexe Analyse, die nicht berücksichtigt, dass heute kaum mehr originale Ex-SED-PDSloj maßgebend beteiligt sind und die auch nicht das Sprengpotential der Antiimps, pseudo-sozialistischen Nationalistoj und Anti-Gesellschaftsliberaloj erklärt – die aktuellen Konfliktlinien. Die pluralistische Linkspartei ist eben viel, viel kaputter. Das Zitat oben und sein Kontext im weiteren Artikel leitet trotzdem das kulturelle Unvermögen zum Absägen von einflussreichen Querulantoj her.

Politisierung Anfang der Achtzigerjahre: Warum meine Generation eine Mitverantwortung für den Krieg in der Ukraine trägt
Dieser herausragend gute Text erklärt die Genese der pazifistischen Verblendung innerhalb der Linkspartei und Teilen der SPD (die Grünen haben es erstaunlicherweise als Erste geschafft, das Perspektivproblem durch geschickte Führung innerparteilich kleinzukochen). Ich würde sehr gerne großflächig daraus zitieren, beschränke mich aber wegen des Urheberrechts auf diesen Aperitif:
»Die Friedensbewegung stand in der bundesrepublikanischen Gesellschaft der Achtzigerjahre für eine Art früher Identitätspolitik: Wer an der Hamburger Uni Politikwissenschaft studierte wie ich, war links und musste dabei sein. 300.000 Menschen im Hofgarten konnten sich nicht irren. […] Unter dem Atomschirm der Amerikaner lebten wir so behaglich, dass wir glaubten, wir könnten auf ihn verzichten. […] Kiew und die Ukraine kannten wir nur vom Hörensagen, beides gehörte in unseren Augen irgendwie zu Russland. Die Sowjetunion war ein von unfreundlichen Pelzmützenträgern und missmutigen Mütterchen bewohntes kaltes Dunkelland. Die Tschechoslowakei, Ungarn, Polen, Rumänien und Bulgarien galten als absolut unsexy, das Baltikum kam in unserer Vorstellungswelt überhaupt nicht vor.«

»Junge Parteimitglieder sind die Zukunftsträger«
Juliane Nagel, Landtagsabgeordnete für die Linke in Sachsen:
»Die jungen Parteimitglieder sind die Zukunftsträger. Sie müssen sich wohlfühlen und bleiben wollen. Dafür braucht es eine andere politische ­Kultur, sie müssen mit ihren Themen ernst genommen werden. Wenn das nicht funktioniert, muss man sich im Notfall von Leuten trennen, die im Kopf nicht links und progressiv sind, sondern traditionalistisch; die zwar immer das Parteibuch hatten, aber nicht mehr Motor einer modernen, linken Partei sein wollen. Im Zweifelsfall muss man jüngeren Menschen den Vortritt lassen. Wir brauchen einen Prozess, der zu einer progressiven linken Partei führt, die neue Fragen neu beantwortet.« 🍿
Meine Prognose: Das wird bei diesen EgomanInnen nicht passieren.

Nachtrag: Als ich diese obige Abrechnung aufgesetzt und in der Ursprungsfassung auch schriftlich an den Parteivorstand gesendet habe, waren die Fälle sexueller Übergriffe und des Missbrauchs in der Linken noch nicht mal raus. 🤡 (Bzw. geisterten nur vereinzelt als kleine Empöris seit zwei Jahren auf Twitter rum, aber hatten erst dann Konsequenzen, als der Spiegel berichtete.)

Überlegungen zu einer genderneutralen deutschen Grammatik

Inhaltsverzeichnis

1 – Nicht unwesentliche Hinführung
1.1 – Turbulenzen der Gleichstellung
1.2 – Von Doppelpunkten und Comichelden
1.3 – Feixende Umstülpung und entzahntes Maskulinum
1.4 – Partizipierung als Symptom von Einfallslosigkeit
1.5 – Intersektionales Wohlfühlen
2 – Anforderungen an ein sexusindifferentes Genus
3 – Die Grammatik
3.1 – Ein gefälliger Entwurf: Das Ojum
3.2 – Undifferenzierte Formen erhalten
3.3 – Pronomen, Akkusativ, Dativ
4 – Schwächen anderer Ansätze
4.1 – Warum nicht „das“ als Artikel und „es“ als Pronomen?
4.2 – Warum nicht -y?
4.3 – Warum nicht -il?
4.4 – Warum nicht -x?
4.5 – Warum nicht -ä und der Artikel „dä“?
4.6 – Warum nicht -re und Plural -erne?
4.7 – Wieso nicht -eu statt -oj für den Plural?
4.8 – Warum schreibst du „man“?
5 – Wie sollen wir das bekanntmachen?
6 – Weiterführende Lektüreempfehlungen

1 – Nicht unwesentliche Hinführung
1.1 – Turbulenzen der Gleichstellung

Über das vergangene Jahr hat es genderinklusive Sprache geschafft, aus dem linken akademischen Diskurs in die generelle deutsche Presseöffentlichkeit durchzudringen. Sprache formt das Denken und darum sehen wir einen Haufen Männer vor uns, wenn wir von „Programmierern“ sprechen, was mittelbar bewirkt, dass sich weniger Frauen für IT-Berufe interessieren. Ist die Rede von „Erziehern“, ist die Bildtendenz dagegen nicht so eindeutig, denn das Stereotyp ist dort ein anderes. Die immer wieder behauptete Eindeutigkeit des generischen Maskulinums als bloßes Maskulinum sehe ich nicht als gegeben an, gleichwohl werden damit Frauen nicht mitgesprochen, sondern nur politisch mitgemeint. Möchte man explizit Menschen beider gängiger Geschlechter in eine Gruppenbezeichnung einschließen, so hat man verschiedene Optionen: Sprachlich am wenigsten umstürzlerisch ist die Nennung beider grammatikalischer Geschlechtsformen des Deutschen. Nachteilig ist die Ausführlichkeit, die dazu verleitet, die Nennung der zweiten Form für die Reduktion des Satzbaus zu unterlassen. Verkürzungen sind die Binnen-Groß-„Innen”-Schreibweise („BürgerInnen“, Binnenmajuskel) und die Unterstrich-„innen“-Schreibweise („Hausmeister_innen“, Gendergap). Letztere wollte mit der buchstäblichen Leerstelle einen Raum auftun für die geschlechtlichen Identitäten, die sich nicht vollumfänglich mit einer der angebotenen Endungen identifizieren.

1.2 – Von Doppelpunkten und Comichelden

Das Gendersternchen folgte als weniger stark empfundene typographische Zumutung: Das Asterisk-Symbol wird in der Informatik eingesetzt als sogenannte Wildcard, die für beliebige Zeichen stehen kann, wie in LSBTTIAQ+. Neuere Überlegungen sind die Doppelpunkt-Schreibweise (Historiker:innen) – von vielen präferiert, weil typographisch noch unauffälliger – gefolgt von der Markierung durch Trema („Busfahrerïnnen“). Die Trema-Variante ist radikal unauffällig, was die Verwechslungswahrscheinlichkeit mit der dezidiert weiblichen Form erhöht, zudem wird sie als nicht tippbares Zeichen in einer technisierten Welt, die sich nicht einmal zugunsten überlegener moderner Tastenanordnungen von hundertfünfzigjährigen Tastaturlayouts trennen mag, bescheidene Aussichten haben. Es heißt, für blinde Menschen mit Bildschirmleseprogrammen sei der Doppelpunkt zugänglicher als das Sternchen, wobei jenes als Softwareanpassung schon in manchen Programmen berücksichtigt worden ist. Die Meinungen gehen jedoch auseinander, so wird aus den Reihen der Vorlesenlasser auch für den Unterstrich plädiert oder für die schlichte Beidnennung oder Ersatzwörter. Man kann festhalten: Die Empfehlungen für Sehbehinderte werden kontrovers diskutiert und die fixe Idee der kulturintellektuellen Debatte, sprachliche Gleichstellung nur durch syntaktisch verwegene Mittel zu erlangen, trägt nicht positiv bei.
Nachtrag Juli 2023: Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes empfiehlt den Genderstern, dieser sei die häufigste Kurzform und komme einem Konsenszeichen am nächsten, zitiert sie den Deutschen Rechtschreibrat. Dieser Position schließt sich auch der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband an. Bildschirmlesesoftware habe sich bereits darauf eingestellt und könne den Asterisk und vermutlich auch das beim Hören verkomplizierende nachfolgende „-innen“ überspringen. Aus dem Rennen um ein interventionistisch-syntaktisches Markierzeichen einer beabsichtigten genderneutralen Form scheint also das Gendersternchen als Sieger hervorzugehen.

Beide Doppelpunktvarianten, das Trema und der Binnendoppelpunkt, verzichten auf den ideell sprachphilosophisch konzipierten Raum der Identitätenvielfalt und wollen auch kein Stolperstein sein, der darüber anregt zu reflektieren, welches Sprachbild und welche Gruppe Menschen gerade evoziert werden. Das dürfte ein Grund für die Popularität des Doppelpunktes in sozialen Netzwerken sein: Auf Pädagogik verzichtet er, strafft das gedankliche Modell, das beim Lesen aufgenommen wird. Typographisch minimal-invasiv ist er auch, das lässt für manche die Hoffnung keimen, damit auch bis in ältere und verbortere Gesellschaftsschichten durchdringen zu können. Konservativ-christliche Kreise interpretieren indes den Doppelpunkt gar explizit so, dass damit von einem rein binären Geschlechterverhältnis gesprochen würde. Die fehlende Symbolebene konterkariert die Doppelpunkt-Schreibweise, reduziert die geschlechtliche Inklusion auf die Einbeziehung von Frauen.

1.3 – Feixende Umstülpung und entzahntes Maskulinum

Dann wäre da auch noch die Verwendung eines generischen Femininums, das sich als näckische Revanche hervortut: Männer sind natürlich mitgemeint. Als Reflexionsspiel interessant, versucht es noch nicht einmal, Gleichstellung und Inklusion sprachlich zu verwirklichen und tendiert zum Lagerdenken der Publikationen mit generischem Femininum und derer ohne. Kontrastierend zur feministisch offensiven Umkehrung der sprachlichen Gebräuchlichkeiten möchten Frauen aber Männer gar nicht so gern mitmeinen, wenn sie eigentlich über ihre eigene weibliche Gruppe sprechen möchten. Das generische Femininum erweist ihnen dabei einen Bärendienst.

Eine andere feministische Schule würde gern das generische Maskulinum sprachstrategisch zum generischen Neutrum weiterentwickeln, sodass die weiblichen Formen aus dem Gebrauch abfielen und sprachlich eine Gleichberechtigung hergestellt würde, die in ihren Augen durch die momentane zwangsläufige Markierung der weiblichen Form nicht hergestellt ist und nicht-männliche Menschen damit als Sonderform diskriminiere. So die Position, die insbesondere der Autor Nele Pollatschek (gewünschte Eigenbezeichnung) vehement vertritt. Das ist ein eher anglo-amerikanischer Sprachdiskurs und dürfte meiner Einschätzung nach hierzulande nicht mit dem Selbstverständnis der Identität als Frau übereinstimmen, die sprachlich sichtbar gemacht werden (können) will, um gesellschaftliche Verhältnisse zu verändern. Der von Aktivistinnen angeführte Vergleich mit dem Englischen ist auch nicht stichhaltig: So ist die theoretisch exklusiv maskulin lesbare Form „actor“ dort tatsächlich anders als im Deutschen nie grammatikalisch gegendert gewesen, wohl aber „actress“ als Sonderform für die explizite Sonderbezeichnung von Frauen verwendet worden. Auch für regulär auf -er gebildete Wörter wie „writer“ oder „farmer“ kannte das Englische gar nicht erst weibliche Markierungen. Nachtrag: Da habe ich nicht gründlich recherchiert – doch, es gab die „farmeress” und die „writeress“, die „poetess“ etc. Mit der schrittweisen und unkoordinierten Abkehr von gegenderter Grammatik ab dem Mittelenglischen wurden dann offenbar auch diese weiblichen Formen verdrängt. Es liegt nahe, dass die Motivation dabei jedoch nicht sprachliche Gleichstellung gewesen ist, sondern schlicht logisches Sprachgefühl, nachdem die grammatikalische Komplexitätsreduktion bereits das vom Nordseegermanischen geerbte grammatikalische Substantivgenussystem weitgehend getilgt hatte. Da heute nur noch wenige dieser femininen Formen in modernen englischen Wörterbüchern stehen, stets mit Bemerkung „dated” (abgesehen von einer Handvoll Verwandtschaftsbezeichnugen), gehe ich davon aus, dass sie ab dem Neuenglischen nur noch in gezielt herabwürdigender Absicht genutzt wurden. Insofern unterscheidet sich die Verwendung dramatisch zum Deutschen und nur mit Wissen der grammatischen Genese des Englischen wird dieser Unterschied verständlich. Siehe zu den Vorschlägen von Nele Pollatschek auch die Kommentierung einer renommierteren Sprachwissenschaftlerin im Anhang.

1.4 – Partizipierung als Symptom von Einfallslosigkeit

Als eine weitere mehr handsärmliche Methodik der sprachlichen Gleichstellung vor allem der verbalen Sprache hat sich in linksprogressiven Kreisen die Verwendung des substantivierten Partizips als allgemeines Credo etabliert: Prominent „die Studierenden“, aber soll man dann auch sagen „die Backenden“, „die Erziehenden“? Sind „Auszubildende“ jene, die man mal ausbilden sollte? (Früher: Lehrlinge.) Was sind „Wahlkämpfende“ noch nach der Wahl? Das Problem bei der Verwendung der Verlaufsform ist, vor etwaigen zu ereigneten Bedeutungsverschiebungen, grammatikalisch damit in erster Linie Gruppen zu bezeichnen, die sich in diesem Moment einer Tätigkeit hingeben. Sitzen in der Kneipe wirklich biertrinkende Studierende? Biertrinkende Studenten hingegen gibt es schon. Oder auf eigene Kosten: Ich bin zwar Student, aber studiere ich auch wirklich? 🤪 Zwar sind parallele Verlaufsformen wie „reitende erwerbsarbeitende Studierende“ denkbar, aber die Verwendung führt den Sinn der Form ad absurdum. Grammatikalisch verwässert die Partizipierung die Eindeutigkeit des Gegenstands und sie möchte so gern korrekt sein, aber verliert sich doch in nach deutscher Amtsstube miefenden funktionalästhetischen Schauderlichkeiten.

1.5 – Intersektionales Wohlfühlen

Der erbitterste Kulturkampf des Bereichs wird momentan zwischen Befürworter*innen des Glottisschlags, der gesprochenen Pause beim Lesen des Sternchens, und den bürgerlich-konservativen Befürworter*innen des generischen Maskulinums ausgetragen. Im Rahmen dieser Anstrengung beobachte ich exzessiven Einsatz des „-innen“-Suffix auch bei Beschreibungen von Gruppen, die zwar tatsächlich wirklich rein männlich sind, man aber diese genderinklusive Form wählt, um die Gruppendefinition pauschal offen zu halten: Von den „Investor*innen“ zu schreiben, obwohl sie tatsächlich nur Dudes sind, transportiert Fehlannahmen: Dass es sich um eine gemischte Gruppe handele und, zweitens, dass das Geschlecht der Personen für die konkrete Information überhaupt Relevanz habe. Wird schriftlich standardmäßig statt fallweise auf das Sternchen zurückgegriffen, kommt noch die Fehlinformation hinzu, dass sich in der Gruppe auch nichtbinäre Personen befinden würden. Das gaukelt mit Mitteln der linguistischen Inklusion eine feministische Utopie als Ist-Zustand vor und zerschellt bei der Gegenüberstellung mit der Realität.

Oder will man für eigentlich bekannte Personen der Gruppe offenlassen, dass sie sich noch als nichtbinär outen könnten und geht in eine drollige Vorleistung, um niemandens eventuell fragile, sich noch im Ringen mit sich selbst befindende Geschlechtsidentität durch eine zuschreibende Genderung Schaden zuzufügen? So funktioniert die Kategorie Genus in Sprachen aber nicht. Das Genus ist bekannt, wenn die Personen bekannt sind. Die Personen geben ihr Gender, ihre Pronomen, idealerweise beim ersten Kontakt bekannt, so dass sie bei schon bekannten Personen als gesetzt gelten können. Oder sie geben eine spätere Änderung deren bekannt. Wer bei nach seinem aktuellem Wissensstand binärgeschlechtlichen Personen dennoch das Sternchen setzt, verwirrt mit falsch verstandenem feministischen Aktionismus. Genus in Sprachen trägt Bedeutung und wenn es in dieser expliziten Form offengelassen wird, während es zwischen die zwei binären Optionen gereiht wird, dann ist der Effekt nicht ein Auslassen von Bedeutung des Geschlechts, sondern gerade die Zuspitzung auf die Bedeutung des Geschlechts.

Hinzu kommt, dass die expressive Aussprache des „-innen“-Suffix trotz des Glottisschlags – der auch gern unterschlagen oder verschliffen wird – und Sprache tendiert immer zur Verschleifung! – die offenbar besondere Bedeutung der weiblichen Gruppenmitgliederinnen hervorhebt und bei kurzen Substantiv-Stammformen das Wort übermäßig streckt. Heraus kommt oftmals de facto das generische Femininum. Die Ironie ist, dass der Wunsch nach expliziter sprachlicher Inklusion von Frauen eine Kernbohrung des generischen Maskulinums in Gang gesetzt hat, die es schwierig gemacht hat, überhaupt noch eine unspezifische Form zu finden, unter der sich wirklich noch alle mitgemeint verstehen.

Keine öffentliche Beachtung erfahren hat bislang die Tatsache, dass das „-innen“-Suffix hinter der männlichen Endung steht und damit patriarchale Verhältnisse fortschreibt. Es ist noch das Eine, eine einfache weibliche Substantivform wie „Bäckerin“ durch Hinzufügen des sich nun einmal so historisch entwickelt habenden weiblichen Suffix hinter der männlichen Standardform zu erzeugen. Das kann man schon mal hinterfragen und ich erwarte auch, dass hier mittelfristig eine autarke Form entstehen wird. Meiner Meinung nach aber diskussionswürdiger wird es, Frauen in neuen, eigentlich bewusst progressiven, gemischtgeschlechtlichen Substantivformen stets an letzter Stelle zu nennen. Wiche man alternierend davon ab (bevor sich eine mögliche autarke weibliche Form breit etabliert hätte), wie in „Bäckinnen*er“ (das wäre ein Plural), würden die Wörter nur noch erschwert wiedererkannt werden können, man heimste sich neuen Ärger mit der regelmäßigen Diskussion um die Morphemstellung ein und statt inklusive Klarheit zu schaffen, würde die Form beliebig und grammatikalisch noch verzwickter.

An diesen skizzierten Diskurslinien bewegt sich die Debatte nun schon eine ganze Zeit lang und nach meinem Empfinden hat sie sich verhärtet. Dabei hat die sprachliche Kreativlosigkeit des deutschen kulturintellektuellen Milieus mich manches Mal staunen lassen. Dass es mit dem Einsatz des generischen Maskulinums nicht weitergehen kann, steht außer Frage. Zwischen oft unmöglich klingendem Partizip-Gerundium und den umständlichen, raumgreifenden, zumal ohne Sternchen nicht inklusiven Formen mit dem „-innen“-Suffix, diese ‚dirty Hacks‘, an denen im Grunde alles schreit: „Wir sind nur eine Brückentechnologie!“, was ist die Lösung?

Es liegt auf der Hand: Wir müssen die deutsche Grammatik um eine entgenderte Substantivklasse erweitern.

2 – Anforderungen an ein sexusindifferentes Genus

Das generische Maskulinum erfährt in letzter Zeit einen nachdrücklich gewollten Bedeutungswandel von der generischen Form, die immerhin politisch alle mitmeinte, zu einer exklusiv männlichen Zuschreibung. Was bedeutet das für Agender-Personen, für Nicht-Binäre, für Genderfluide? Für sie gibt es in aktuellen Angeboten einzig für die Schriftsprache zwar die in nichtakademischen Kreisen unbeliebte Schreibweisen mit Sternchen oder Unterstrich. Aber wird die Verbalsprache nicht gerade noch stärker binär strukturiert, wenn alles in -er und -in gegendert wird und kein flexibler Raum für Personengruppen bleibt, die sich nicht im dichotomen Geschlechtersystem wiedererkennen? Gesprochen als jemand, der sich auch selbst im weiteren Sinne in diesem Spektrum verortet: Ich empfinde den jetzt versuchten Dualismus des gleichzeitigen (pausierten) verbalen Nennens der zwei Genus-Formen als unangenehm. Aus ihm spricht jedes Mal die Aufforderung, sich zuzuordnen.

Wäre es nicht klüger, stattdessen die Grammatik zu erweitern? Mein Ansatz wäre also, die Sprache zu ent-gendern statt fest-zugendern.

Für die Herstellung geschlechtergerechter Sprache sind momentan zwei nur vordergründig sich widerstrebende Interessen erkennbar: Das Gendern, um politisch (meist binär-normative) Inklusion und Sichtbarkeit zu erreichen und das Entgendern (der Weg schon der Partizipierung und der Umgehwörter), um die Kategorie Geschlecht aus den Sprachbildern zu entfernen, in denen sie ohne Not steht. Ein konsequenterer Ansatz des Entgenders wäre, die Grammatik zu erweitern. Dieser Weg würde sich letztlich sogar als weniger umstürzlerisch erweisen, weil dabei eben keine neuen genusvermeidenden Wörter etabliert werden müssten und der öffentliche Sprachgebrauch nicht langwieriges und kaum vermittelbares Projekt einer umfassenden Reformation der Wortwahl würde. Eine argentinische Jugendbewegung macht gerade vor, wie es geht: Sie ersetzen im Protest die gegenderten Motionssuffixe -o und -a des Spanischen mit einem -e und schaffen damit eine genderneutrale Substantivform in einer Sprache, die bislang vergleichbar mit dem Deutschen für Menschen nur eine männliche und weibliche Form kannte.

Das können wir auch. Ich bin nicht der Erste, der diesen Vorschlag macht. An den bisherigen Vorschlägen habe ich allerdings Schwächen erkannt. Anhand dieser habe ich für meine Überlegungen für eine genderneutrale Substantivform im Deutschen diese Anforderungen formuliert:

  • Sie muss praktikabel sein
  • Sie muss sich sprachmelodisch einfügen
  • Sie muss unvorbelastet und grammatikalisch eindeutig sein
  • Sie sollte vorhandenen grammatikalischen Formen kein Bein stellen
  • Sie sollte deutsch klingen und deutsch aussehen

Praktikabel sein meint, die Form muss auch außerhalb des akademischen Felds von Menschen akzeptiert werden können und sich durch ihre Gestaltung idealerweise auch für die Alltagssprache anbieten. Wieso muss sie sprachmelodisch kompatibel sein? Wir wollen das bisherige generische Maskulinum ersetzen können, ohne der Sprachästhetik zu schaden. Der Partizipierung kann man immerhin zu Gute halten, mit ihren furchtbaren Formen im Grunde bereits das Tor zu einer erweiterten Grammatik aufgestoßen zu haben. Für die öffentliche Akzeptanz gilt es ein Angebot zu entwickeln, das weniger schmerzhaft ist als die Partizipierung und weniger umständlich als genusvermeidende Alternativformulierungen.

3 – Die Grammatik
3.1 – Ein gefälliger Entwurf: Das Ojum

Kurzum, mein Vorschlag für ein sexusindifferentes Genus wäre:

-u beim Singular

der Schüler (m/w/d): dej Schülu

dej Lehru, dej Fabrikarbeitu, dej Theologu, dej Handwerku, dej Bauu, dej Virologu, dej Epidemologu

-oj beim Plural

die Schüler Plural (m/w/d): die Schüloj

die Lehroj, Fabrikarbeitoj, Handwerkoj, Bauoj, Epidemologoj, Studentoj, Kommolitonoj, Moderatoroj, Ärztoj

Im Singular -u, im Plural -oj, kommt super geschmeidig rüber als entgenderte Substantivklasse.

Die Morpheme setzen sich klanglich vom -er ab und sind dennoch sprachmelodisch kompatibel: Dej Dichtu, die Pflegoj, die Informatikoj. Es klingt alles ungewöhnlich, aber vertraut. Anders als beim Glottisschlag sind diese Formen auch absolut gesangsfähig – ein Test, den ich für die Akzeptanzchancen als Umgangssprache anlege.

Es gab noch im Gotischen eine neutral gegenderte Substantivklasse auf -u (aber genutzt wohl eher für Fälle, bei denen wir heute „das“ als Artikel führen). Ein -u Suffix findet sich nur in wenigen deutschen Wörtern, vor allem aber in „au“-Kombination, in der das „a“ dominanter klingt. Altgriechisch nutzte eine Form auf -oi (praktisch identisch mit -oj) und Latein ein -ae (gesprochen wie aj). Auch die Plansprache Esperanto hat einen generell neutralen Plural auf -oj. Die zwei neuen Suffixformen für das Deutsche stehen also in gewisser Tradition zum Gotischen, Altgriechischen und Esperanto und klingen dabei dennoch weitgehend sprachtreu deutsch.

Wie ihr schon gelesen habt, ist meine Idee für den Singular-Artikel „dej“: Es ist ein Verfließen von [d]ie und [d]er (sprecht mal schnell wechselnd die/der aus). Melodisch sogar nahe am englischen „they“, was nichtbinäre Personen häufig als Personalpronomen für sich wünschen. Für den Plural wird wie für die anderen Formen „die“ verwendet. Im Plural-Suffix -oj findet sich dennoch wieder das j. Ich könnte jetzt irgendeine ideelle Bedeutung in das j dichten, aber letztlich passt es einfach nur gut. Wir sind das j schon in kurzen Wörtern von ja, jain, jo und ahoj gewöhnt, so dass „dej“ als keine allzu ungewöhnliche Bildung scheint.

3.2 – Undifferenzierte Formen erhalten

Der dej-Artikel ermöglicht uns, bei bislang ungeschlechtlich gebildeten Formen ohne -e(r)-Suffix – je nach Anforderung – auf eine Genderung zu verzichten. Damit gehen wir behutsam mit der Sprache um und erhalten uns diese unspezifischen Formen:

dej generelle, nicht näher spezifizierte Moderator (m/w/d)
dej nichtbinäre Moderator, dej genderfluide Redakteur – trotzdem: „kein Redakteuru von uns“, weil davor grammatikalisch ein männliches Zahlwort steht, oder: „keinu Redakteur“
dej generelle, nicht näher spezifizierte Arzt (m/w/d) – trotzdem bei Erfordernis möglich: ich bin Arztu
dej klimabewegte Demonstrant[u] – wie oben mit möglichem u bei männlicher Grammatikunschärfe im Satzkontext
dej Student[u]
dej Pirat[u]

Aber Plural:

die Moderatoroj – Moderatoren, explizit m/w/d
die Redakteuroj – Redakteure, explizit m/w/d
die Ärztoj – Ärzte, explizit m/w/d
die Demonstrantoj – Demonstranten, explizit m/w/d
die Studentoj – Studenten, explizit m/w/d
die Piratoj – ^^

Satzbeispiele:

Das Rektorat wünscht allen Studentoj einen guten Start ins neue Semester.
Unter allen Redakteuroj stach die Redakteurin Anke mit ihrer Arbeit besonders hervor.
Die Mitarbeitoj gehen in Streik.
Elternbrief: Dej Schülu sollte wetterfeste Klamotten für die Klassenfahrt einpacken.

Würde die pauschale Standardverwendung sich vom generischen Maskulinum bei bisherigen -er-Wörtern hin zu -u und -oj entwickeln, würde das wie von selbst das Problem auflösen, dass wir meinen, auch die eigentlich unspezifischen Formen auf -t, -ent, -ant und -or oben durchgendern zu müssen. Diese unspezifischen Substantivformen waren eigentlich einmal das, was die Partizipform heute gerne wäre: Die Formen -ent und -ant stehen in der Regel für flüchtige Identitätszustände, die sich auf eine allgemeine Tätigkeit beziehen. Bei ihnen zählt nicht das Individuum, sondern welche Rolle es kurzzeitig annimmt. Die -or-Form bezeichnet eigentlich eine ausführende technische Funktion innerhalb eines Apparats, kein Individuum (Professor, Moderator, Administrator). Häufig handelt es sich bei den Bezeichnungen um akademisch erlangte Grade, das trifft noch umso mehr bei den Formen auf -t zu (Arzt, Jurist). Diese Formen waren nie explizit sprachlich maskulin gegendert, wir haben es höchstens generisch angenommen, weil die Rollen gesellschaftlich meist von Männern ausgeführt worden sind. Alles, was es noch bräuchte, um die Unsicherheit des Anspracheumfangs zu beseitigen, wäre der neutrale Artikel dej davor.

Es spricht überhaupt gar nichts dagegen, von „der [spezifischen] Historikerin“ oder „dem [spezifischen] Schauspieler“ zu sprechen, wenn die geschlechtsanzeigende Genderung an der Stelle personalisierte Relevanz hat und es nicht um heterogene Gruppen geht. Die erweiterte Grammatik ergänzt um eine neue Substantivklasse, die sich zum Standardfall mausern könnte, aber sie nimmt niemandem etwas weg. Anders als manche geschätzte linguistische Kollegen bin ich der Ansicht, dass es aussichtslos wäre, mit dem Projekt eine komplette Restrukturierung der Grammatik anzustreben.

3.3 – Pronomen, Akkusativ, Dativ

Ein Nachteil des Weges einer erweiterten Grammatik: Wir benötigen auch neue Pronomen. Die brauchen wir aber sowieso mittelfristig, da sie von Nichtbinären eingefordert werden (bislang, ohne dass sich ein klarer Favorit fürs Deutsche herausgebildet hätte). Ich will diese Vorschläge mehr als Diskussionsbeitrag verstanden wissen:

Personalpronomen: er/sie / oj
Possesivpronomen: sein[e]/ihr[e] / juj[e]
Fragepronomen: welcher/welche / welchu? Pl: welchoj?
Oj hat juje Hausaufgaben vorgestellt. Welchu Schülu hat wieder nicht aufgepasst?
Akkusativ: ihn/sie / ojn
Dativ: ihm/ihr / ojm

Das Personalpronomen oj könnte verwirren, weil es als Suffix für den Plural steht. Alternativ „ui“ ist schwierig, weil es den überraschten Ausruf „Ui!“ bereits gibt. Wenn man er/sie schnell hintereinander spricht, kommt aber oj heraus, darum bleibt das die logische Wahl.

Possesivpronomen: seine/ihre schnell hintereinander gesprochen verschmilzt zu einem zweisilbigen Klang mit j vorne und e hinten. Juje wäre sprachmelodisch passend und unvorbelastet. seine/ihre/meine/eure haben am Ende alle ein -e, darum gebietet es die Konsistenz, hier kein -oj zu wählen.

Fragepronomen: -u im Singular und -oj im Plural.

Weitere Durchdeklination der Fälle des Ojums habe ich auf Pronouns.page eintragen lassen.

4 – Schwächen anderer Ansätze
4.1 – Warum nicht „das“ als Artikel und „es“ als Pronomen?

Wer sich gern sprachlich mit einem Pferd gleichstellen möchte, soll das tun – ich halte „das“ als Genus für Menschen für eine unüberlegte, gefahrbergende Geschmacksverirrung. Man kann nicht einfach so tun, als hätte unser „das“ dieselbe neutrale Bedeutung wie das englische „the“. Im Deutschen denken wir in der/die/das(/die/wir/du/ich). Unser „das“ ist etymologisch sachlich, tierisch, auf jeden Fall untergeordnet. Die Wörter, bei denen wir zwar bereits den Artikel verwenden, „das Mädchen“, „das Kind“, „das Fräulein“, sind allesamt historisch Fälle hegemonial männlicher Machtverhältnisse. „Das Mädchen“ bekommen wir so schnell sprachlich nicht getilgt (mein Vorschlag war „die Maide“, die Partizip-Fraktion würde wohl „die Mädelnde“ draus machen), dennoch tendieren wir schon heute in der intuitiven Verwendung dazu, das natürliche Geschlecht statt des grammatischen Geschlechts zu wählen: „Das Mädchen machte sich auf den Weg. Dabei pfiff sie fröhlich vor sich hin.“ Der dingliche Artikel erscheint unserem Sprachgefühl nicht gerecht.

Aber ich möchte noch einmal auf das gefahrbergende Potential zurückkommen: Der Artikel und sein dazugehöriges Pronomen „es“ sind eine – sicherlich ungewollte – Entmenschlichung und dadurch erst recht eine Stigmatisierung. Wohin Entmenschlichung in diesem Land schon einmal geführt hat–– Man muss wachsam sein, was man mit solcher Grammatik heraufbeschwört. Das „das/es ist zwar vergleichsweise praktisch umsetzbar, aber macht euch außerhalb von geschützten Bereichen durch seine herkömmliche Bedeutung zum perfekten Opfer.

Da mag nun wer einwenden: Aber Bedeutung kann sich wandeln! – So funktioniert das aber nicht. Den „das“-Artikel genderneutral zu etablieren versuchen ist genauso ein Irrweg wie zu fordern, feminisierte Substantivformen abzuschaffen und zu versuchen, aus dem generischen Maskulinum ein Neutrum zu schnitzen.

4.2 – Warum nicht -y?

Weil zu englisch. Und objektiv albern. Man muss nicht Mitglied im rechtslastigen Verein deutscher Sprache sein, um hier argwöhnisch eine quasi-imperialistische englische Sprachvereinnahmung aus einer Schnellschusslaune zu unterstellen. (Sagt mal Uni Braunschweig, wollt ihr uns Germanistys verhohnepipeln? Siehe „Entgendern nach Hermes Phettberg“ [und Thomas Kronschläger], auch hier und hier.)
Aber sachlich geblieben: In der Verbalsprache ist ein -y ein -i und klingt wie der italienische Plural. Den gibt es vereinzelt auch im Deutschen, die Verwirrung ist komplett. Auch wird das -i im alemannischen Sprachraum als Diminuitiv eingesetzt: „Das Häusli“, „das Bärli“. Diese Verwendung ist nicht nur Schweizern und Schwaben geläufig, sondern wird hinreichend im deutschsprachigen Raum erkannt und als solche eingesetzt: „Mausi“. Der Vorschlag für die Pluralbildung mit -ys empört durch seine Stumpfheit. Grundlegend konfligiert er mit der Bildung des Genitivs – zwar haben wir Pluralwörter wie „die Autos“ und können „Herkules’“ im Schriftlichen durch Apostrophierung als Genitiv markieren, eine Erstreckung auf alle Substantivformen (oder auch nur menschliche Gruppen) würde das vorhandene Unschärfeproblem aber potenzieren. Toppen könnte den Vorschlag nur noch die Empfehlung, doch -ies nach englischer Grammatik zu schreiben.

4.3 – Warum nicht -il?

Weil es cartoonesk chinesisch klingt. Schülil, Lehril, Bäckil. Ihm fehlt die sprachmelodische Nähe zum -er. Typographisch sieht es auch unschön aus, das l drängt sich als Schlusstürmchen am Wortende gehörig auf und macht das schnelle Erfassen von kurzen ‚ebenen‘ Wörtern schwieriger. Dieses Suffix ist der Vorschlag von der sprachfeministischen Vordenkerin Luise Pusch (SZ+) (siehe auch die Lektüreempfehlungen weiter unten).

4.4 – Warum nicht -x? Für „Exit Gender“ nach Lann Hornscheidt?

Der klassische Fall von akademischem Elfenbeinturm, Akzeptanz in der Breite aussichtslos. Das ist schon Realsatire, es tut mir leid. Sprachmelodisch weder passend noch schön, in grammatikalischer Hinsicht ein Auffahrumfall und hat typographisch eine zweifelhafte, allenfalls gallische Qualität.

Nachtrag: In den Tagesthemen vom 09.06.2021 hatte Hornscheidt einen neuen Suffixvorschlag: „-ens“, aus dem Mittelteil von „Mensch“ (bei 1:55 min). Offenbar soll das Wort auch gleichermaßen für Possesivpronomen, Personalpronomen, Zahlwort etc. herhalten: „Ein Käufer und sein Einkaufskorb → Ens Käufens und ens Einkaufskorb“, war das geäußerte Beispiel. Damit handelt es sich um eine maximal missverständliche Singularform – mein Sprachgefühl würde dahinter allenfalls einen Plural erwarten. Der Plural soll dann was sein…? Die Grammatikprobleme mit dem „s“ als letzten Buchstaben, die ich oben beim „-y”-Vorschlag angeführt habe, gelten noch als Bonus oben drauf. Dieses Labortwort „ens“ müsste stets zwingend nötig sein „s“ tragen, ansonsten würde das Morphem zu unspezifisch. Mit dem „s“ lässt sich aber kein Fragepronomen, Akkusativ, Dativ daraus bilden. Oder soll die grammatische Spezifität des Deutschen einfach zugunsten eines „ens” für alle Lebenslagen aufgegeben werden? Auch hier wieder: Akademischer Elfenbeinturm. Mich überzeugt das nicht.

4.5 – Warum nicht -ä und der Artikel „dä“?

Weil es furchtbar aussieht und weil es lächerlich klingt. – Dä-dä-dä-DÄ! Das war Beethoven. Zumindest hat sich der Erfinder auf seiner Homepage lesenswerte Gedanken zur Grammatik gemacht. Entgegen meiner kleinen humoristischen Entgleisung habe ich für jedu Respekt, dej sich schon vor Längerem des Themas angenommen hat.

4.6 – Warum nicht -re und Plural -erne?

Über den neuen Verein für geschlechtsneutrales Deutsch (gegründet nach Erstveröffentlichung meines Textes) bin ich auf einen weiteren Vorschlag für geschlechtsneutrale deutsche Grammatik gestoßen: „de Lehrere“ im Singular, „die Lehrerne“ im Plural.
Klingt erstmal nach einem gangbaren Kompromiss. Aber die Formen sind schlicht zu lang. Allein das wird es schon schwierig machen, die Formen als Ersatz für das generische Maskulinum verkauft zu bekommen. Ein Silbenhauch mehr, zwei getippte Buchstaben mehr, das schlägt stärker ins Gewicht, als der Verein sich das vorstellen mag. Mir missfällt auch, dass das bisherige -e[r] nur ergänzt wird, statt es einzutauschen in einen wirklich neutralen Suffix. So wie das da steht, erweckt es für mich den Eindruck: Es ist wie BürgerInnen ein Addendum an das bisherige psycholinguistische Denkmodell des ‚eigentlich‘ standardmäßig generisch Maskulinen, hier wird nun das „-Innen“ eingetauscht in eine Form, die ohne Sternchen nun auch Nichtbinäre einschließt. Nebenbei schreibt man dabei noch unbeabsichtigt patriarchale Verhältnisse fort. Aber wieso bleibt die generisch maskuline Form als Stammform stehen? Wieso traut man sich nicht, ein grundständig eigenständiges Motionssuffix einzuführen? Der Plural erweckt auch starke Assoziation an die Partizipierung (die grundsätzlich einmal als Verlaufsform gedacht war und daher noch immer irritiert). Der Artikel „de“ wäre hinnehmbar, aber ich habe ein Störgefühl bei der Wortähnlichkeit zum Französischen. Selbst ohne diese Assoziation wirkt der Artikel für mich als Wort in der Reihe von der/die/das schlicht unvollständig, auch wenn die Schreibung phonetisch Sinn ergeben mag. Die vom Verein ebenfalls präsentierte Alternative „dey“ ist in nichtbinären Kreisen schon gebräuchlich, das -y passt aber nicht zum Deutschen, darum plädiere ich schließlich für das „dej“. Die zweite Artikel-Alternative „dier“ mag zwar eine clevere Wortschöpfung sein, würde im praktischen Gebrauch aber zu nahe am „dir“ liegen, und ich halte es zudem für fragwürdig, einen neuen genderindifferenten Artikel durch Zusammenfügung zweier binären Wörter zu kreieren – als wäre das Spektrum Gender schließlich doch… binär. Ich bin von den Vorschlägen nicht überzeugt.

4.7 – Wieso nicht -eu statt -oj für den Plural?

Die theoretischen Vorteile: Das (tendenziell männliche) -e bliebe und schüfe höhere typographische Konsistenz, es wäre ein behutsamerer Eingriff. Außerdem läge die Wahl nahe, wenn schon für den Singular -u verwendet werden soll.
Die Nachteile: -eu statt -oj ist letztlich in der Aussprache eine weniger deutlich distinktive Form. Ein -oj klingt dem Ansinnen nach schärfer, das -eu wäre näher an einem französischen „Ö“. Das -eu ist in der Tat typographisch unauffälliger. Behutsamer ist das, aber es wird auch weniger deutlich, dass man damit eine fundamentale psycholinguistische Änderung bezweckt. Um das zu erreichen, nehme ich beim -oj eine unnatürliche Orthografie in Kauf. Unsere Parameter bei der Auswahl operieren auf einem schmalen Grat: Einerseits sollen die neuen Endungen sich sprachmelodisch und typographisch elegant ins bestehende Deutsche einfügen. Andererseits wollen wir dennoch kenntlichmachen, dass sie neu sind und dezidiert kein bloßer ‚Ersatz‘ für das gebrochene generische Maskulinum, sondern mit ihnen auch etwas anderes gemeint ist. Umso wichtiger ist das bei der häufiger verwendeten Pluralform, die auf die einfachere Singularform abstrahlt. -eu statt -oj wäre gewissermaßen die logischere Wahl, aber es wäre nicht die klügere.

4.8 – Warum schreibst du „man“?

Ich habe eine Zeit lang mit „mensch“ experimentiert, aber halte das Wort für zu aufgeladen. Ein „man“ ist eine sprachphilosophische Entitätshülle wie ein „ich“, dafür ist mir noch kein adäquater Ersatz untergekommen. Alternativen wären da „eins“, was dieselbe dingliche Anstoßproblematik mit sich transportiert wie der „das“-Artikel für Menschen, und Formulierungen mit „wir“, „du“, „Sie“ und Personengruppen. Den „man“ vorerst weiterzuverwenden halte ich gemessen an seiner schwachen Problematik verglichen mit der Thematik ums genetische Maskulinum bei Substantiven für vertretbar. Dieses Wortproblem ist nicht mehr als ein Perfektionsjucken.

5 – Wie sollen wir das bekanntmachen?

Dadurch, dass überzeugte Lesoj dieses neue Genus in ihren Texten anwenden und damit die Idee verbreiten. Ihr müsst dafür kein Redakteuru sein, sondern bringt die Kunde bereits in die Lande, indem ihr auf euren Kanälen in sozialen Netzwerken mit der neuen Substantivform experimentiert. Anders als das Französische mit der Académie française hat das Deutsche keinen institutionellen Sprachwächter. Unsere vor allem von der Kultusministerkonferenz getragene Gesellschaft für deutsche Sprache beobachtet nur den Gebrauch und die Verwendung der lebendigen Sprache und formuliert danach Empfehlungen. Abgesehen von behördlichem Schriftverkehr und in der schulischen, nicht universitären Lehre kann im Grunde jedu so schreiben, wie es ojm gefällt. Darum ist in diesen nichtamtlichen Kontexten die hier vorgeschlagene vierte Form so wenig ‚falsch‘ wie der Unterstrich oder der Stern. Sprache ist ein lebendiger Aushandlungsprozess und wir haben im deutschen Sprachraum sogar das Glück, dass neue Umgangsformen rasch in die (nichtoffiziellen) offiziellen Regelwerke aufgenommen werden, wenn sie nur in auffälligem Maße im Sprachgebrauch von Bevölkerungsgruppen gebräuchlich geworden sind. Ich bin zuversichtlich, das sollte mit einer behutsam erweiterten Grammatik um ein weiteres Genus möglich sein, das doch so behände viele der momentan herumgereichten harten Nüsse der sprachlichen Gleichstellung knackt.

Überlegungen zu einer genderneutralen deutschen Grammatik weiterlesen

Offener Brief an „Funk“: Souveräne Plattformstrategie: Plädoyer für eine Mediathekinitiative

Hallo Funk,
ich bin bloß ein Konsument und falle auch schon fast aus dem Altersfokus Ihres Angebotes, dennoch möchte ich Ihnen ein paar strategische Überlegungen mitteilen, die mich bezüglich Funk seit dessen Start irritieren.
Letzte Woche habe ich bei „Was mit Medien“ das aufschlussreiche Gespräch mit einer Funk-Formatentwicklerin gehört, was für mich der letzte Anlass gewesen ist, Ihnen zu schreiben.

Das Credo von Funk, die jungen Leute abzuholen auf den Plattformen, auf denen sie ohnehin sind, halte ich für problematisch. Problematisch insofern, als dass diese Plattformen auch dauerhaft den primären Ausspielweg darstellen. Formate werden für YouTube, Instagram und neuerdings TikTok entwickelt und dabei an die Mechanismen und sozialen Milieus der Netzwerke angepasst. Das wäre durchaus verständlich und naheliegend für eine klassische Marketingkampagne eines Unternehmens.

Aber als öffentlich-rechtliches Angebot sollten Sie Ihr eigenes Medium definieren. Statt die Quasi-Monopolisten durch öffentlich-rechtlich finanzierte Qualitätsinhalte weiter zu stützen, sollte ein ÖR-Angebot meiner Meinung nach seine eigene Plattform sein.
Bestrebungen hinsichtlich der europäischen ‚Supermediathek‘ sind am Rascheln, trotzdem meine ich, Funk verspielt hier etwas dabei, nicht selbst die Initiative zu ergreifen.

Konkreter: Funk.net ist momentan recht basal. Der Seite fehlt eine Accountfunktion, es fehlen Kommentare und dergleichen Weiteres. Außerdem halte ich persönlich das stilistische Anbiedern an Netflix und YouTube für kontraproduktiv und unglücklich (genauso wie bei der neuen ARD Mediathek), aber das ist noch das kleinste Problem. Die Mobilapp (ich kann nur für Android sprechen) ist nur ein glorifiziertes Webview und damit vergleichbar unangenehm zu nutzen wie die alte KiKa-App, kann keine Links zu Videos teilen, denn die Funktion ist kaputt und, naja, ist eben nicht nativ, mit all den Nachteilen, die das mit sich bringt.

Was ich von Funk erwarten würde: Ein selbstbewusstes Auftreten als eigene Plattform. Kampagnen mit Snippets aus den eigenen Formaten auf den bei jungen Menschen beliebten sozialen Netzwerken ausspielen, das muss wohl sein. An erster Stelle aber der primäre Distributionsweg über die eigene Plattform: Funk.net mit Accountsystem, Kommentaren und was dazu gehört. Technisch schlage ich das Aufgreifen des standardisierten Protokolls ActivityPub vor, auf dem das wachsende Fediverse basiert, eine Sphäre dezentraler freier sozialer Netzwerke, die miteinander sprechen können, darunter etwa das populäre Mastodon und PeerTube.

Damit schlagen Sie mehrere strategische Fliegen mit einer veganen Klappe:
1. Stärkung einer eigenen Plattform, die unabhängig von erratischen intransparenten Algorithmenänderungen der etablierten Player fungiert. Sie bestimmen die Algorithmen, Sie erhalten die bestmöglichen Statistiken und Metriken, wie sie nur ein Selbstbetreiber erhalten kann. Sie setzen die Akzente und Sie bestimmen geltende neue mediale Trends innerhalb Ihres Angebot-Kosmos’.

2. Sie setzen offensiv gegen die kommerziellen Platzhirsche mit bekanntermaßen problematischen Inhaltsparadigmen (so nenne ich das mal) ein öffentlich-rechtliches Gegenangebot in einem für die Zielgruppe angemessenem Medium. Dadurch wird die Reichweite der Platzhirsche geschwächt – und mittelbar greifen Sie damit die Meinungsführerschaft von deren Leuchtturm-Kreativen an und können in Ihrem Kosmos Gegenakzente setzen, die problematische Trends in den werbegetrieben Netzwerken ausbremsen. Das lässt sich meiner Meinung nach besser aus dem Standort eines dezidiert eigenen Angebots mit ausschließlich öffentlich-rechtlichen Inhalten des Formatbouqets heraus erreichen. – Eine Gegenöffentlichkeit darstellen, die dort frei von der performativen Netzwerkidentität, sozialen Mechanismen und plattformbestimmten Notwendigkeiten agiert, die auf YT, IG und TT herrschen. Nicht zu unterschätzen ist auch der Erziehungseffekt, den es hat, wenn Sie junge Zielgruppen gegenwärtig darauf trainieren, ÖR-Angebote auf YT & Co. zu erwarten. Damit eröffnen Sie einen Teufelskreis der Abhängigkeit aus Gewohnheiten der heranwachsenden Zielgruppe, die ÖR-Marken langfristig nicht nur immensen Mehraufwand kosten wird, sondern auch das Abhängigkeitsverhältnis festzurrt, in dem der ÖRR niemals die stärkere Position innehaben kann. Damit diese Abkehr gelingt, ist ein Erfolg des eigenen Distributionskanals freilich Voraussetzung, aber ich meine, den hätten Sie zwischenzeitlich gewiss, wenn Sie ein solches Angebot wie beschrieben häppchenweise in den kommerziell getriebenen Netzwerken anteasern würden, um die Inhalte dann konsequent auf einem (besseren) funk.net und (besseren) Apps auszuspielen. Ich bin überzeugt, Ihre Formate haben mittlerweile eine solche Beliebtheit und damit Sogwirkung, dass ein solcher Plattformwechsel ohne immensen Aderlass möglich ist. Und anschließend geht es ohnehin nur noch aufwärts.

3. Durch das Aufbauen auf ActivityPub stärken und investieren Sie in ein freies und offenes Web. Mittelfristig dürfte das Fediverse zu einer gesamtgesellschaftlich relevanten medialen Öffentlichkeit heranwachsen (auch ohne Funk). Projekte wie PixelFed bilden die gängige Funktionalität von Instagram ab, Mastodon die von Twitter, PeerTube die von YouTube, Funkwhale erschließt eine dezentrale Audiosammlung und viele weitere Projekte mehr. Durch Integration und grundständigen technischen Aufbau des Angebots auf das Protokoll würde sich Funk nativ in ein wachsendes Ökosystem unabhängiger Netzwerke integrieren und wäre vorn bei einer richtungsentscheidenden Entwicklung für ein freies Web dabei. Dabei könnte Funk eigene Ideen in die Weiterentwicklung der Standards einbringen und mittelfristig auch direkt profitieren durch die Integration in ein Protokoll, das viele zukünftige Dienste unterstützen werden, was durch die sich hierdurch ergebende Interoperabilität wiederum verlockende Reichweiten in Aussicht stellt.

Der Ko-Initiator einer Entwicklerkonferenz Anfang Oktober zum ActivityPub-Standard hat sich bereits offen für einen Austausch mit Funk zur technischen Umsetzbarkeit geäußert. Den Entwickler*innen um ActivityPub geht es nicht um eigene unternehmerische Perspektiven, sondern wirklich um die Förderung des neuen abgesegneten Webstandards für ein dezentrales und demokratisches soziales Netz. Wenn ich Ihr Interesse wecken konnte, verbinde ich Sie gern mit weiteren Fürsprechern, die an den Möglichkeiten des Fediverse forschen.

Zum Ende dieser Zuschrift möchte ich aber noch einmal Ihre Aufmerksamkeit auf die grundsätzliche Problematik lenken: Indem Funk als ÖR-Angebot primär – und quasi exklusiv, weil die eigene Mediathek bisher eine untergeordnete Rolle spielt – die inhärent werbegetriebenen Netzwerke von Google, Facebook und anderen mit qualitativ hervorstechenden Inhalten bespielt, stärkt es diese De-facto-Monopolisten. Funk ist nicht nur gezwungen, nach den Regeln dieser Unternehmen zu spielen, sondern auch programmatisch Inhaltestrukturen und kreative Regeln nachzuahmen. Ein Freischwimmen wäre möglich durch eine Mediathek-Initiative, die durch den Sog der zwischenzeitlich gebildeten Kanal-Communitys schnell Popularität erfahren dürfte. Auf technischer Ebene bietet sich wie kein zweites das grundständige Setzen auf den ActivityPub-Webstandard an, denn damit erhalten Sie ein soziales Netzwerk frei Haus, das instanzübergreifend dezentral funktioniert und Inhalte von Funk in einer innovativen Weise nativ vernetzbar in das breitere Ökosystem zukunftsweisender freier Netzwerke integriert.

Die Bewegtbild-Medienlandschaft darf auch im Internet aus pluralistischen und dezentralen Trägermedien ohne Abhängigkeit von werbegetriebenen Großkonzernen bestehen. Das Ziel wäre für die Formatentwicklung und kreative Souveränität von Funk ein lohnenswertes.

Herzlich

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Offener Brief an „Funk“: Souveräne Plattformstrategie: Plädoyer für eine Mediathekinitiative weiterlesen